Hier regiert die Elite

Mutti, Gutti und die gelbe Schwester erfreuen sich des Lebens, während die schwarzen Statthalter reihenweise das Weite suchen. Wundern muß man sich nicht, wenn die Kinder ausziehen, denn Muttis Gesinde nervt, schlimmer noch als die Alte selbst. Kaum ist Ole von Beust mit seiner Schulreform gescheitert, gibt Hauslehrerin Schavan ihm auch noch eine mit dem Rohrstock: Sie „begrüßt“ das nämlich. Sie mag das Gymnasium, jene schulpolitische Enklave, in der das Wasser erst im Erdgeschoß steht und wo die Hausmeister noch den Aufnehmer schwingen.

Die Rotznasen des Prekariats siechen derweil woanders und infizieren die Elite-Schüler nicht mit ihren ekligen Malaisen. Das ist also die Strategie der Bundesregierung im Bildungsbürgerkrieg. Wer weiß, vielleicht hat so mancher aus der Riege der segensreichen Beschützer unseres oberen Mittelstandes in Berlin die Gegner der Schulreform unterstützt – heimlich oder unheimlich. „Volksentscheid“, so lernen wir bei dieser Gelegenheit einmal mehr, bedeutet nicht, daß das Volk entscheidet, sondern daß das Volk entschieden wird. Da gibt es eben die in der Loge und die auf den Stehplätzen. Man ist halt gern unter sich.

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37 Antworten to “Hier regiert die Elite”

  1. Caana Says:

    Hälst du es für besser, einmal in 4 oder 5 Jahren ein Kreuzchen für alle Entscheidung zu malen und damit hat es sich?

    Der Volksentscheid ist ein wichtiges Mittel für eine bessere Demokratie. Dass das Verfahren nicht perfekt ist, sollte klar sein, denn das perfekte System gibt es nicht.

    Daher muss auch wesentlich mehr für den Bildungsstandard der breiten Masse getan werden. Ich will nicht sagen, dass die veramten Bezirke auch alle weniger Bildung besitzen, aber der Vergleich
    zwischen Wahlbeteiligung und Armut ist schon signifikant.

    http://dishwasher.blogsport.de/2010/07/18/hamburger-volksentscheid-wahlbeteiligung-spiegelt-armutsverteilung/

  2. Werden in Hamburg jetzt Stacheldrahtzäune oder gar Mauern gebaut? Says:

    […] http://feynsinn.org/?p=3994 […]

  3. flatter Says:

    @Caana: Weswegen ich forderte, „Volksenstcheide“ müßten eine mindestens ebenso hohe Beteiligung aufweisen wie die letzte Wahl des Parlamentes, dessen Arbeit sie betreffen.
    Ich bin aber tatsächlich auch generell gegen Volksentscheide im Gesetzgebungsverfahren.

  4. Wolfgang Kreuz Says:

    Vox populi = Vox Rindvieh ?

    Z. B.

    „Nach einer Umfrage des französischen Magazins Pèlerin wünschen zwei Drittel der französischen Katholiken einen milderen Umgang der katholischen Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen. 85 % äußern Unverständnis über das Verbot, die Hl. Kommunion zu empfangen. Ein Drittel bekundet jedoch Verständnis für das Verbot der Wiederverheiratung von Geschiedenen.“

  5. Gehard Schrödibär Says:

    @flatter/3

    Bin ganz deiner Meinung.
    Nicht umsonst treten ja immer wieder Konservative für mehr Direktwahlen, Volksentscheide, etc. ein. Regieren per Bildzeitung. Das ist ihr verborgenes Ziel.

    Neben dem Wahlrecht als Hauptinstrument der Demokratie gibt es nämlich noch eine zweite Ebene, mit der die meisten Dinge, die uns als ganzes betreffen, entschieden werden: Die „Ratio“ bzw. die „Vernunft“. Der Abgeordnete ist nach seiner Wahl gehalten, sich bei seinen Entscheidungen an die zu halten und nicht etwa an Meinungsumfragen. Manche nennen es Gewissensentscheidung, aber im Grunde soll der gewählte Abgeordnete nach rationalen und humanen Kriterien entscheiden.

    Übertragen auf Hamburg bedeutet das, dass dort nicht nach dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse entschieden wurde. Die meisten Lehrer und Experten waren nämlich für das gescheiterte Hamburger Modell.

    Insofern hat hier die Demokratie tatsächlich versagt, weil sich nicht das vernünftigste Modell durchgesetzt hat. Man könnte auch sagen, sie wurde missbraucht.

    Anstatt mehr Volksentscheide zu fordern, sollte man in diesem Lande die unabhängige Expertise wieder fördern. Also weg mit dieser ganzen Stiftungsmafia, welche die Medien mit abstrusen Studien vollmüllt und her mit kompetenten unabhängigen Beamten, anstatt die Kanzleien der Banken mit der Formulierung von Gesetzen zu beauftragen.

    Dort liegt der Hase im Pfeffer. Eine neue Aufklärung braucht das Land, aber keine Direktwahlen und Volksentscheide.

  6. mds Says:

    @ 5
    Dass sie für Direktwahlen eintreten, hat vielleicht auch einen anderen Grund. Wenn das Volk entscheidet, kann man selbst nichts falsch machen. Wer keine Stellung bezieht, der macht sich auch keine Feinde.
    Aber ich denke nicht, das irgendwer anstrebt, „per Bildzeitung“ zu regieren. Vor allem bei den wirklich wichtigen Themen (Krieg, Energie etc) überlässt man doch ungern die Entscheidung dem Volk. Viel zu riskant.

  7. Lutz Hausstein Says:

    Fakt ist doch: Die Hoffnung vieler, auch von mir, dass durch eine direkte Demokratie, auch durch Volksentscheide, wieder Entscheidungen zustande kommen, die im Sinne der Allgemeinheit sind und allegemein als gerecht empfunden werden, ist nun mehrmals hintereinander emfindlich gestört worden. Minarett-Verbot, Burka-Verbot, Rauch-Verbot, gemeinsames-Lernen-Verbot. Es wäre zu überlegen, ob hier nicht bewusst und zielgerichtet die Elemente direkter Demokratie desavouiert werden sollten und letztlich auch wurden.

    Denn Eines hatten wir alle wohl total unterschätzt. Die Vehemenz, mit der die wirtschaftlich Starken, die Klaviatur jeglicher medialer Meinungsbeeinflussung spielen. Die usprüngliche Idee, dass direkte Demokratie zu einer unverfälschten Citoyen-Meinungsäußerung führen MUSS, muss man unter diesen Umständen wohl zu den Akten legen.

    Und genau DAS ist das besonders Traurige daran. Eine der letzten Möglichkeiten, politische Entscheidungen wieder zum auch verfassungsgemäßen Gemeinwohlinteresse zurückzuführen, ist damit vorerst gescheitert. So ist es auch eine Niederlage der wirklichen Demokratie, nämlich der Herrschaft des Volkes.

  8. Lutz Hausstein Says:

    @ G. Schrödibär:

    Ich dachte, wir sollten langsam genug von unseren „Experten“ haben! „Unabhängige Expertise“ klingt gut, aber wie will man dies wirklich gewährleisten? Es gibt immer ökonomische Abhängigkeiten. Ein Institut, ein Wissenschaftler benötigen nunmal Geld(er). Zum Einen, um die eventuellen Kosten der Expertise zu decken und andererseits schlichweg zum Leben. Schon allein diese ökonomische Abhängigkeit bildet das Einfallstor für gezielte Einflussnahme auf das Ergebnis.

    Hinzu kommt noch die, völlig menschliche, Eitelkeit des jeweiligen Wissenschaftlers. Wird er damit gelockt, dass bei entsprechend gewünschtem Ergebnis sein Name durch die Medien geht, wird auch dies seine Expertise beeinflussen.

    Deshalb wären unabhängige Untersuchungen zwar sehr wünschenswert, aber praktisch wohl kaum erzielbar. Wenn Du allerdings eine Idee hast, wie solche unabhängigen Expertisen wirklich machbar wären, dann her damit! Dann hätte ich nichts dagegen.

  9. hans baum Says:

    mir war die direkte-demokratie-bewegung von joseph beuys von anfang suspekt. als der gedanke entstand, gab es eine mehrheit a la willy brandt im land, dann war da noch die aufbruchstimmung der grünen.

    meine bedenken gingen damals schon in richtung: und was passiert, wenn wir wieder eine rechte mehrheit haben, eine volksverblödung usw.

  10. Gehard Schrödibär Says:

    @Lutz Hausstein

    Na, ja, es gibt ja nie „schwarz/weiß“, sondern immer nur „mehr oder weniger“. Insofern kann man schon was erreichen, z.B. indem man sich mal wieder um das Stiftungsrecht kümmert und dort strenge Auflagen erreicht. Oder indem man die weitere Verschlankung der staatlichen Executive nicht mehr einfach so hinnimmt, sondern Einstellung z.B. von Steuerfandern, Finanzexperten, etc. einfordert. In der Bildungspolitik wieder weg von diesem fehlgeleiteten Privatisierungsunsinn. Für die Wirtschaft: Wieder raus aus den Aufsichtsgremien der Unis. Die Medien ärgern, wenn sie wieder Müll-Studien verbreiten, etc.

    Im Moment sieht’s doch gar nicht so hoffnungslos aus. Die Leute werden am Ende schlauer. Man muss ihnen im richtigen Moment die richtigen Antworten anbieten. In Hamburg war es wahrscheinlich noch nicht der richtige Moment.

    Bin mal gespannt, ob die Umfragewerte für Guido und Angie wieder steigen, wenn die Wirtschaftsdaten besser werden. Ich würde nicht darauf wetten. Und das wäre dann ein echter erstaunlicher Lerneffekt 🙂

  11. Peinhart Says:

    @Lutz Hausstein

    „Denn Eines hatten wir alle wohl total unterschätzt. Die Vehemenz, mit der die wirtschaftlich Starken, die Klaviatur jeglicher medialer Meinungsbeeinflussung spielen.“

    Wenn man bedenkt, wieviel sie schon medial feuern und feuern lassen, selbst wenn gerade kein Volksentscheid ansteht, also ’nur‘ zur Beeinflussung der ‚öffentlichen Meinung‘ und zur Schaffung eines für sie günstigen ‚Klimas’…

    „So ist es auch eine Niederlage der wirklichen Demokratie, nämlich der Herrschaft des Volkes.“

    Herrschaft über wen? Demokratie quasi als ‚Selbstbeherrschung’…? Dann würde ich ‚wirkliche Demokratie‘ doch eher als eine Art Selbstverwaltung begreifen wollen, mit dem Ziel, gerade Herrschaftsstrukturen abzubauen, nicht sie irgendwie dann doch wieder zu legitimieren. Das scheint mir im Gegenteil gerade die Krux an ‚unserer‘ Auffassung von Demokratie – dass das Volk durch’s Kreuzchenmachen nur dazu verleitet wird, seine eigene Berherrschung noch zu legitimieren. Dabei heisst auch ‚regieren‘ eigentlich nichts weiter als nur ‚führen‘. Und einem Führer – das ist durch ‚Führerkult‘ etc vielleicht etwas in Vergessenheit geraten – folgt man freiwillig oder eben auch nicht. Keinesfalls jedoch lässt man sich ‚beherrschen‘.

  12. Wolfgang Kreuz Says:

    Fakt ist, daß bei solchen Volksentscheiden meistens
    sich ein konservatives, wirtschaftfreundliches Weltbild durchsetzt. Siehe Schweiz; Muezzine und Minarette.
    Ursache ist Gehirnwäsche also Meinungsmache der herrschenden Eliten. Die Springer, Burda, Berthelsmann, Bauer Holtzbrinck haben nun mal ein
    konservatives und wirtschaftsfreundliches Weltbild.

    Und die herrschende Meinung ist immer die Meinung der Herrschenden. (Dr. Karl Marx (Wessi aus Trier)in „Die Deutsche Ideologie)
    Erstaunlich ist nur, daß die Forderungen nach Basis-
    Demokratie (früher und in Rußland hätte man dazu Sowjets, zu deutsch Räte gesagt)aus dem sogenannten linken lager kommen.
    Hätte man über die gesetzlich legitimierte Freilassung Christian Klars abstimmen lassen, säße er noch.

  13. Peinhart Says:

    „Erstaunlich ist nur, daß die Forderungen nach Basis-
    Demokratie (früher und in Rußland hätte man dazu Sowjets, zu deutsch Räte gesagt) aus dem sogenannten linken lager kommen.“

    Volksentscheide = Rätedemokratie…? Come on…

  14. Bakunin Says:

    Der Ausgang dieses Volksentscheides in Hamburg sollte uns allen deutlich machen, dass man bei den Ruf nach mehr Volksentscheiden immer auch nach den realen Bedingungen für solche fragen sollte, darunter besonders auch die Höhe der Wahlbeteiligung.
    Bei einer Abstimmungsbeteiligung von weit unter 50%, was ist so ein Volksentscheid denn dann eigentlich noch wert?
    Zum Thema Basis-oder Rätedemokratie wäre ebenfalls zu fragen, zu was sie konkret führen würde, wenn in diesen Basisgruppen oder Räten ganz besondere Gruppen sich eine Mehheit verschaffen würden, z.B. „gestandene Sozialdemokraten“, „gestandene Gewerkschafter“, übermäßig viele Lehrer, Anwälte, Professoren, Beamte…..
    Man schaue sich nur an, was diese Typen in der Frankfurter Pauskirche 1848/49 oder in den Arbeiter- und Soldatenräten 1918/19 am Ende angerichtet und so letztlich alles zugrunde gerichtet, verraten haben!

  15. Peinhart Says:

    Auch bei der ‚Basis-oder Rätedemokratie‘ ist die Frage nach den ‚realen Bedingungen‘ entscheidend. Ziemlich weit vorne scheint mir da zB ein Mindestmaß an wirtschaftlicher (’sozialer‘) Egalität zu stehen. Und man kann von einem Wechsel der ‚Demokratieform‘ auch nicht verlangen, dass er quasi automatisch die für ihn günstigen bzw geeigneten Bedingungen herstellt. Sonst hätten wir ja Zaubertrank… 😉

  16. Geheimrätin Says:

    kurzes offtopic
    @ lutz hausstein 8, betreff. unabhängige expertise

    Ein Institut, ein Wissenschaftler benötigen nunmal Geld(er). Zum Einen, um die eventuellen Kosten der Expertise zu decken und andererseits schlichweg zum Leben. Schon allein diese ökonomische Abhängigkeit bildet das Einfallstor für gezielte Einflussnahme auf das Ergebnis.

    Das ist sicherlich richtig, von daher muss man sich ja auch immer fragen, welche Interessen sollen mit einer „Expertise“ möglicherweise bedient werden.
    Sind es die Interessen des Gemeinwohls, oder die Interessen weniger Profiteure.

    Beispiel Klimawissenschaft: Hier sollte man wissen, dass beispielsweise der IPCC gar keine große Organisation ist, die Gelder erhält, sondern dass hier nur, ich zitiere Stefan Rahmstorf:

    zehn Vollzeitmitarbeiter in seiner Geschäftsstelle bei der World Meteorological Organisation in Genf (beschäftig sind) und ein paar Angestellte, die technische Unterstützung für die Vorsitzenden der drei IPCC-Arbeitsgruppen und der National Greenhouse Gas Inventories Group leisten. Die eigentliche Arbeit leisten unbezahlte Freiwillige – tausende Wissenschaftler von Universitäten und Forschungseinrichtungen weltweit, die als Autoren oder Reviewer bei der Erstellung des IPCC-Berichtes mithelfen. Auf diese Weise ist ein großer Teil der relevanten wissenschaftlichen Gemeinschaft beteiligt. Die drei Arbeitsgruppen sind[…]

    Dass die Klimathematik dann allerdings natürlich trotzdem gern von diversen Sitfungen und Lobbyisten für ihre Zwecke ausgeschlachtet wird (greenwashing, emissionshandel etc…) steht natrülich auf einem ganz anderen Blatt.

    Das beste Beispiel was gkaufte „Expertisen“ betrifft, liefern uns ja bekantermaßen aktuell gewisse „Sozialwissenschaflter“ ala Heinsohn, neben den altbekannten „Wirtschaftsweisen“, Bertelsmännern etc ppp… Nur! es kann hier ja eben gerade nicht von „Experten“ und „Expertisen“ die Rede sein, denn was die absondern, hat weder was mit „Wissenschaft“, „Expertise“ noch mit „Sozialem“ oder „Wirtschaft“ zu tun, denn hätte es das, würden wir hier ja, weil „wir“ ihren Richtlinien folgen, nichts als blühende Landschaften vorfinden und keine abgewrackten Schulen, bankrotte Krankenhäuser, verarmte Kommunen und „Tafelspachtler“ etc…

    Und was nun die Hamburger „Elite-Demokraten“ betrifft, die sich gegen eine Reform, die ja noch nichtmal wirklich tiefgreifend wäre, sondern lediglich die „Selektion“ um 2 Jahre verschieben würde, warum in alles in der Welt rotten die sich nicht einfach zusammen u. gründen ihre kl. Privateliteschule und lassen die anderen Kinder endlich in Ruhe lernen?!

  17. Hartmut Says:

    Ich empfehle dazu: Deutschstunde von Siegfried Lenz.
    Nochmal lesen !
    Da ist alles gesagt zum Thema

  18. Winfried Says:

    Das Problem sind doch nicht die Volksentscheide, sondern die Wähler, die den Arsch nicht hochbekommen, um ihre Möglichkeit zur Mitbestimmung zu nutzen. Dann setzen sich ggf. aktive Minderheiten durch, was aber vollkommen in Ordnung ist, da die Mehrheit das Thema offensichtlich nicht interessiert hat.
    Ja, „das Volk“ kann auch irren oder manipuliert werden. Das ist mir aber lieber als die gekauften oder die durch Lobbyisten oder Pseudo-Experten manipulierten Entscheidungen unserer Berufspolitiker. Eine durch Volksentscheid getroffene Entscheidung hat für mich wesentlich jedenfalls mehr Legitimität als eine Parlamentsentscheidung. Hätten wir Volksentscheide auf Bundesebene, wären z.B. die Themen Atomkraft oder Afghanistankrieg schon längst Vergangenheit.
    Ich bleibe jedenfalls ein Befürworter von Volksentscheiden. Nur dass dabei auch Entscheidungen herauskommen können, die mir nicht gefallen, spricht doch nicht dagegen. Ich will das Recht haben, über mein Leben und meine Zukunft mitzubestimmen anstatt dass in irgendwelchen Hinterzimmern darüber bestimmt wird.
    Die Parteiendemokratie ist keine Demokratie!

  19. Charlie Says:

    Es ist hanebüchen, in einem Land, das so offensichtlich unter Medienmanipulationen leidet, „mehr Demokratie durch Volksentscheide“ zu fordern. Die Menschen hierzulande wissen doch nicht einmal, dass sie ausgebeutet und gezielt verarmt werden – wie sollen solche Menschen denn bitte durch Volksentscheide irgendeine Verbesserung herbeiführen können? Das ist abstrus.

    Darüber hinaus bedeutet Demokratie zwar, dass „die Mehrheit entscheidet“ – aber wenn dadurch Minderheitenrechte verletzt werden, ist das gleich wieder undemokratisch. Ich weiß nicht mehr, wo ich das gelesen habe, aber es stimmt: „Wenn man fünf Wölfe und zwei Schafe darüber abstimmen lässt, welche Nahrung zu bevorzugen ist, darf man sich über das Ergebnis nicht wundern.“ Anders gesagt: Wirkliche Demokratie muss zwingend auch immer die Rechte und Wünsche und Bedürfnisse der Minderheiten berücksichtigen.

    Wie sähe ein Volksentscheid wohl aus, wenn es um die Frage ginge, dass die besten Parkplätze in der Innenstadt immer für Behinderte reserviert sind? Gäbe es da genügend „Gutmenschen“, die das befürworten – oder würde dieses wichtige Privileg für benachteiligte Menschen einfach abgeschafft werden?

    Solange die Menschen der Dauerpropaganda der Massenmedien ausgesetzt sind (und sich auch nicht selbst davon befreien, was ja möglich wäre), solange sind Volksentscheide ein weiteres Instrument in den Händen der neoliberalen Bande zur Durchsetzung ihrer perversen Agenda.

  20. Peinhart Says:

    Eine gute, wenn auch ernüchternde Analyse:

    Niederlage für eine solidarische Gesellschaft

    Der ’neoliberale Stachel‘ steckt fest im Fleische – Ausgrenzung ist ‚in‘.

    „Anders gesagt: Wirkliche Demokratie muss zwingend auch immer die Rechte und Wünsche und Bedürfnisse der Minderheiten berücksichtigen.“

    So ist aber das ‚gesellschaftliche Klima‘ der verschärften Konkurrenz in zunehmend dysfunktionalen Märkten nicht. Das ist nicht nur der ‚Dauerpropaganda‘ geschuldet, das hat auch ‚objektive‘ Gründe. Die von den Massenmedien eigentlich ’nur‘ schön geredet bzw als ‚Naturgesetze‘ verkauft werden. Die große Frage ist, ob das irgendwann noch ‚kippt‘, oder ob wir unter Hauen und Stechen in ein Jahrhundert der Bürgerkriege und Selbstzerfleischungen stolpern, das gute Aussichten hat, das Zwanzigste an Grausamkeit zu überbieten.

  21. Bakunin Says:

    Charlie meint:
    Juli 20th, 2010 at 04:03

    „Es ist hanebüchen, in einem Land, das so offensichtlich unter Medienmanipulationen leidet, “mehr Demokratie durch Volksentscheide” zu fordern.“

    Meine volle – wenn auch zähneknirschende – Zustimmung!
    Ohne mehr wirkliche gesellschaftliche Gleichheit der Menschen bringt das alles nix…. 😦

  22. Winfried Says:

    „Es ist hanebüchen, in einem Land, das so offensichtlich unter Medienmanipulationen leidet, “mehr Demokratie durch Volksentscheide” zu fordern.“

    Volksentscheide sind die einzige Möglichkeit, der Macht des Geldes und der Macht der Medien etwas entgegenzusetzen, nämlich die Macht des Volkes. Warum ist es denn immer die CDU, die die Einführung von Volksentscheiden be- oder verhindert?

    Mit „Enteignet Springer“-Schildern erreichst du dagegen gar nichts. Das wurde schon versucht. Und auf „die wirkliche gesellschaftliche Gleichheit der Menschen“ zu warten, habe ich auch keine Lust. Denn die werde ich nicht mehr erleben.

    „… solange sind Volksentscheide ein weiteres Instrument in den Händen der neoliberalen Bande zur Durchsetzung ihrer perversen Agenda.“
    Und ohne Volksentscheide sind wir davor geschützt? 😉

  23. Bakunin Says:

    Winfried meint:
    Juli 20th, 2010 at 13:35 ………

    Ich denke, dass uns weder „genehmigte“ Volksentscheide noch Volksentscheide unter den jetzigen ökonomischen und medialen Machtverhältnissen vor weiteren „perversen Agendas“(Charlie) schützen werden.
    Schützen können sich alle von diesem brutalen Klassenkrieg von oben Betroffenen nur noch durch massiven Widerstand jeneseits aller „Wahlen“ und sonstigen Meinungsspektakel-Unwesens.
    Nämlich durch politische Streiks bis hin – wenn alles nichts mehr hilft – dem Aufwerfen der sogenannten „Machtfrage“.
    Schreckt man davor aber zurück, so bleiben alle „Proteste“ letztendlich nur karnevalistische Veranstaltungen, welche bei den wirklichen Herrschenden dieses Landes nur ein müdes abfälliges Grinsen hervorrufen.
    Oder hat jemand schon mal was gehört von einem „Prager Fenstersturz“ aus oberen Stockwerken von Banken oder Konzernzentralen während „machtvoller Proteste“ von Trillerpfeifen oder dem Hochhalten toller Pappschilder mit diversen Forderungen?
    Hand aufś Herz: Wer hat?

  24. hans baum Says:

    warum lese ich immer: hier erigiert die elite. bin ich versaut?

  25. Hannzi Says:

    In diesem Blog regiert die Meinungsdiktatur.

    Meinungsdiktatur ist genauso elitäres Gehabe.

    Wer lügt, dem glaubt man nicht. Auf Wiederlöschen Herr Blogger!

  26. hans baum Says:

    meinungsdiktatur?

  27. flatter Says:

    Psst, ich hab da ein paar Comments in den letzten Postings
    gelöscht, die das böse R-Wort genannt haben.

  28. Charlie Says:

    @ Peinhart:

    Die große Frage, die Du stellst, ist vermutlich gar keine, weil das Ziel schon feststeht. Es sind doch keinerlei Anzeichen erkennbar, die darauf hindeuten, dass die Entwicklung diesmal eine andere Richtung einschlagen wird als zuvor. Oder habe ich da irgendwelche große, bedeutende Entwicklungen, Revolutionsvorbereitungen, Quantensprünge in der Evolution übersehen??

    Sie fahren den Karren wieder (wie schon so viele Male zuvor) gegen die Wand, und wir müssen wohl einfach darauf hoffen, dass diesmal nicht wieder ein „Führer“ eingesetzt und unterstützt wird, der eine weltweite Katastrophe anzettelt – oder etwas Ähnliches. Die Hoffnung ist meinerseits allerdings sehr, sehr verhalten.

    @ Bakunin:

    Dein Zähneknirschen teile ich!!! Nacht für Nacht.

    @ Winfried:

    Bakunin hat dazu ja schon viel Relevantes geschrieben. Wie stellst Du dir solche Volksentscheide denn vor, wenn die Informationen, die die zur Entscheidung Berufenen zur Verfügung haben, von Medien kommen, die dem neoliberalen Dogma treu dienen? Wie albern ist das denn. Du siehst doch an den Beispielen der zuletzt durchgeführten „Volksbefragungen“ – ob es nun ums Rauchverbot in Bayern, um die Minarette in der Schweiz oder um die Schulreform in Hamburg geht: Es setzt sich stets die medial vorbereitete, propagandistisch begleitete Meinung durch – und das ist durchweg keine soziale, keine demokratische, keine Meinung, die ALLEN Menschen hilft.

    Wenn Du fragst: „Warum ist es denn immer die CDU, die die Einführung von Volksentscheiden be- oder verhindert?“, kann man darauf einfach nur noch antworten: Erstens stimmt das so nicht, und zweitens scheinst Du die Gesetze des absurden Theaters nicht zu kennen, nach denen sich im Bundestag vier Parteien, die alle dasselbe wollen, fürs Publikum (das ist das Volk) verbal die Köpfe einschlagen, bevor sie dann in schwarz-gelben, schwarz-roten, schwarz-grünen, rot-grünen oder anderen „Koalitionen“ genau das tun, was das Kapital will.

  29. Peinhart Says:

    @Charlie

    Meine ‚Erwartungshaltung‘ sieht nüchtern betrachtet leider nicht viel anders aus. Hier wird schon wieder was auf die Spitze getrieben, und hinterher ist man dann wieder gebührend fassungslos, aber keinen Deut klüger. Ein weiteres Alarmzeichen neben den bereits hier diskutierten: die Verklärung des Militärischen ist auch schon wieder im Gange…

  30. Winfried Says:

    @Charlie,

    „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ (Brecht)
    Es ist doch ganz einfach: willst du die Eliten wie bisher ungestört weiterregieren lassen oder willst du Einfluss nehmen und Sand im Getriebe sein?

    Natürlich haben die Medien Macht und Einfluss. Aber auch nicht mehr. In neun Jahren „Wir verteidigen uns am Hindukusch“-Propaganda von Regierung und Presse war es nicht möglich, eine Akzeptanz dieses Krieges zu erreichen. Es sind konstante 60-70% der Bevölkerung gegen diesen Krieg.
    In Berlin wurde das von konservativen Kreisen gestützte Pro-Reli-Volksbegehren abgelehnt. Derzeit läuft ein Volksbegehren, um die Offenlegung der Geheimverträge über die teilweise Privatisierung der Berliner Wasserversorgung zu erzwingen. Mal schauen wie es ausgeht. Aber selbst wenn es nicht erfolgreich sein sollte: WAS IST DANN VERLOREN?

    Nimmst du eigentlich an Wahlen teil? Oder wartest du nur auf die Revolution?

    P.S.: Das Ergebnis des bayerischen Volksentscheides finde ich übrigens sehr erfreulich.

  31. Vogel Says:

    @Lutz Haunstein #7 und Peinhart #20
    Die beiden, zu recht sehr geschätzten Kommentatoren, sollen als Beispiele dienen dafür, dass man schon graue Haar kriegen kann!!

    Vorweg: Bin heute sechzig, seit 41 Jahren knutsch‘ ich mit der Selben, seit 38 Jahren sind wir verheiratet, vier Kinder (30, 26, 24, 22). Meine Frau iss Grundschullehrerin, das Thema iss uns a) als Familie und b) dank der Profession meiner Holden nich so ganz fremd. Wir stammen beide aus bescheidenen bis normalen Verhältnissen, ich hab‘ mich durchgeboxt (ich war 30 Jahre selbständig [d. h. kaum Urlaub, selber vorsorgen usw.]), meine Frau hat mit BaFög und meiner Kohle als Lehrling – ich hab‘ ne 2. Lehre erst mit 24 abgeschlossen – auf Lehramt studiert.
    Streitthema auch zwischen uns: Gemeinsames lernen. Zu unserer Zeit haben (es kommt nich auf das einzelne Pronzentchen an) ca. 80 % der Kinder gemeinsam gerlernt. In den 50-igern noch acht, dann neun Jahre – da nannte man das noch Volksschule – und schließlich irgendwann 10 Jahre – da nannte man das dann Hauptschule. Alle Kinder gingen auf die Schule für das Volk (Volksschule) – nach der 4. Klasse gab’s sowohl für mich in Hessen, als auch für meine Frau in NRW die Aufnahmeprüfung (1 Wo Probeunterricht) für’s Gymnasium/Realschule, Ergebnis: ca. 5-8 % ersteres, ca. 12-15 % letzteres – weniger gescheiterte Schulkarrieren. Keine Eltern „haben versucht die Lehrer um den Verstand und ihr Kind mit Macht aufs Gymnasium“ zu bringen.

    Also – gemeinsames Lernen: Nix Neues, das gab’s lange Zeit – aber das ist ‚was anderes gewesen, als man sich heute vorstellt! Und das will niemand zurück haben.

    Meine Frau beobachtet in der Praxis seit Beginn ihres Lehrer-Jobs, dass im Alter von ca. 10 Jahren die wenigen ca. 20 %, die schon weit vorne sind, sich von den anderen trennen. Sie würden unterfordert, wären sie gezwungen im Klassenverband zu bleiben. Sie lehnt es aus Verantwortungsgründen gegenüber den guten und den weniger guten Schülern ab, diese Kinder als ‚Hilfslehrer‘ einzusetzen sondern befürwortet stattdessen die Versetzung auf eine weiterführende Schule, da werden die gefordert. Für die anderen Schüler befürwortet sie, aus guten Gründen, den Verbleib auf der Hauptschule, das ist ‚leistungsgerecht(er)‘. Das die HS einen schlechten Ruf hat, hat viele andere Gründe und muss/kann nicht von der Schule gelöst/geändert werden – schon gar nicht über den Zwang, zwei Jahre länger zusammen bleiben zu müssen und erst mit beginnender Pubertät (zwei Probleme auf einmal) die Schule zu wechseln.

    Und deshalb sind wir der Meinung: Zurück zu den Wurzel – zur Schule für das Volk, zum gemeinsamen Lernen – falls es das ist, was man ehrlich meint!? Aber das meint ja keiner – s. o.: Dass die HS einen schlechten Ruf …

    Alle unsere Kinder haben alles bekommen, wir haben es uns geleistet: Ballett (alle vier), Klavier, Trompete, Gitarre, Gesang, Pfandfinder und Fußball, alle haben ihr Abi gemacht und studiert obwohl wir nicht vermögend sind. Der Älteste iss jezz im Referendariat (finanziert sich selbst), die Älteste steht mitten im Diplom, die beiden Jüngsten haben noch’n paar Semester vor sich (alle BaFög + etwas Unterstützung aus der Familie). Klar, unsere Pänz hatten den meisten anderen viel voraus. Sie haben sich tlw. gegenseitig Lesen und Schreiben beigebracht, unsere ‚Bibliothek‘ umfasst ca. 400 Bücher (plus die eigenen Bestände der Kinder), eigenen Fernseher hatte keins von den Kindern …

    Lutz: Inwiefern war das „[…]gemeinsames-Lernen-Verbot […]“ für meine Kinder förderlich/hinderlich? Was hätte es für andere Kinder gebracht, hätte man sie 2 Jahre länger gemeinsam beschult? Meine wären ganz sicher wegen Unterforderung ‚eingegangen‘ … wenn Du wüstest, was wir für (Unterforderungs-)Probleme lösen mussten … (hier will ich nich in Details gehen, das ist zu privat).

    Peinhart, Zitat aus dem von Dir verlinkten TP-Artikel: „[…]Verteidigung des Bildungsprivileg der Besserverdienenden […]“ Wie hätten wir unsere Kinder weniger privilegieren sollen? Wir waren von ca. 1980 bis ca. 2005 „Besserverdienende“ – seit dem hält es sich in „überschaubaren“ Grenzen. Unsere Möglichkeiten hätten für eine „Weltreise“ nach der anderen gereicht, für Skiurlaube und dicke Autos und ’n teures Haus. Statt dessen haben wir in die Kinder investiert – aus lauter Freude! Wäre „Kohle auf’n Kopp hauen“ sozialer, gewesen? Hätte das die Niederlage für eine solidarische Gesellschaft vermieden?

    Ja, Jungs: Man kann schon graue Haare kriegen – wenn das Kind mit dem Bad ausgeschüttet wird und der Untergang des Abendlandes in wenigen Volksentscheiden festgemacht wird!! Muss ich mir heute mit 60 sagen lassen: Alles falsch gemacht Du Begüterter Du, Du Böser Du? (dess warn jezz abber ironische Säzz, gelle?)

    Nich falsch verstehen: In der Bildung liegt viel im Argen, von den Kitas bis zu den Universitäten – deshalb auch hier: Nur ein radikaler Systemwechsel führt aus diesem Tal (… sicher in ein anderes ;-)) Anfangen sollte man mit kleineren Klassen/KiGa-Gruppen, Aufwertung des Lehrer- und Erzieherberufs … soll ich weiter machen?

  32. Charlie Says:

    @ Peinhart:

    Danke für den Link – den hatte ich auch schon gespeichert. Zum Thema Militarismus und der deutschen Militärdoktrin habe ich auch gerade in meinem Blog ein paar Zeilen geschrieben. Ich wiederhole sie hier nicht, weil ich flatter nicht unnötig belasten möchte. 😉

    @ Winfried:

    Sorry – aber wenn Du mit mir diskutieren möchtest, solltest Du auch auf das eingehen, was ich schreibe.

    Was nützt es, wenn irgendwelche Umfragen belegen, dass eine Mehrheit der Bevölkerung gegen den Kriegseinsatz in Afghanistan ist – wenn doch nichts weiter passiert? Und bist Du tatsächlich der Meinung, dass ein „Volksentscheid“ zu diesem Thema – wenn er denn durchgeführt werden würde, was mit Sicherheit nie passieren wird in diesem Land – ein ähnliches Ergebnis zeigen würde, trotz der geballten Systemmedienmacht, die diesen „Entscheid“ maßgeblich begleiten würde?

    Und weshalb wirst Du persönlich, wenn ich solche Kritik übe? Nur weil ich Missstände benenne, muss ich noch lange nicht die Heilslösung als Alternative anbieten können. Wenn man lapidar feststellen muss: „Wir stecken bis zum Hals im Kapitalismus“ (Heiner Müller), ist es nicht zwingend erforderlich, auch gleich den Ausweg aus dieser Misere mitzuliefern.

    Ich weiß nämlich keinen (realistischen) Ausweg. So bitter das jetzt auch klingen mag. Mein Horrorszenario der Zukunft habe ich ja schon genannt.

    Und genau dieselben Diskussionen sind in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts auch schon mannigfaltig geführt worden – ein paar Zitate dazu findest Du in meinem Blog. Das Ergebnis ist bekannt.

    Und jetzt gehe ich eine rauchen.

  33. andi1789 Says:

    @Vogel: Also ich glaube, dass hier ein wenig die Argumentationsstränge – Ironie hin oder her – durcheinander geraten. Das eine ist die Enttäuschung darüber, dass ein Schritt, der in einer kapitalparlamentarischen Demokratie immer ein kleiner ist, in eine im Kern gut gemeinte Richtung durch einen Volksentscheid torpediert wurde. Mehr plebiszitäre Elemente sind eine der Forderungen, an die sich durchaus Hoffnungen (von unverbesserlichen Weltverbesserern) knüpf(t)en, dass man auf demokratischem Wege außer durch das Kreuzchen Ritual alle vier Jahre noch Einfluss auf die Politik nehmen kann.

    Das andere sind Erfahrungen aus der Lebenswelt, dazwischen muss man unterscheiden. Ihren Berichten aus der Grundschulpraxis möchte ich mit einer gewissen Skepsis begegnen, denn diese ist darauf ausgelegt, dass mit etwa zehn Jahren eben jener Selektionsschritt vollzogen wird, der wohl mit dazu beiträgt, dass unser Bildungssystem das sozial selektivste der Industriestaaten ist, was nicht völlig zu unrecht von der nicht gerade wirtschaftsfeindlichen OECD (PISA) bemängelt wurde.

    Sie schreiben selbst, dass wir in Bildungsfragen im Prinzip ganz von vorne anfangen müssten. Wir waren, wenn ich nicht irre, das erste Land, dass so etwas wie wissenschaftliche Pädagogik an Universitäten einrichtete. Wir gehören zudem zu den Industriestaaten, die wissenschaftliche Erkenntnisse, die durchaus an den Universitäten vorhanden sind, mit am schlechtesten in die Praxis umsetzen. Offenbar gilt diese Beobachtung auch für die Bildung.

  34. Vogel Says:

    @andi1789
    Das ironisch bezog sich von mir aus nur auf den Teil ab „wenn das Kind mit dem Bad ausgeschüttet wird …“, und das nur auf meine Ausdrucksweise. Den Kern der Argumentation (v. a. im Vorspann), genauso wie die gestellten Fragen, hab‘ ich absolut ernst gemeint.Für mich hinreichend ist das Ablenkungsmanöver der Politik in Hamburg (und aufkommend in NRW) als solches entlarvt. Untaugliche Schulexperimente, Experimente mit Euren Kindern, meinen (zukünftigen) Enkeln um etwas zu reparieren, was an anderer Stelle kaputtgemacht wurde. Was war denn in Hamburg „(…) eine im Kern gut gemeinte Richtung [die dann] durch einen Volksentscheid torpediert wurde. […]“ Dieses war/ist eben keine gutgemeinte Richtung, sondern nur Versuch Irrtum und Irrtum – am lebenden Objekt!!
    Ich mache nix anderes als die OECD: Auf Grund meiner Erfahrungen und meines Wissens – das betrifft nicht nur die persönlichen Erfahrungen, vergiss nich die tägliche Auseinandersetzung meiner Frau mit dem Thema – also meiner Dtaenbasis und meines Blickwinkels zu urteilen.

    Die Datenbasis der OECD iss zweifellos breiter – und deshalb stellt sie z. B. fest, dass es in keinem anderen europ. Land die Herkunft eines Kindes der Art vorbestimmend ist wie in D. Eben! Und da hilft dann 2 Jahre längeres gemeinsames beschulen? Genau das isses, was imho definitiv falsch iss! Der Henkel einer Tasse iss abgebrochen – man ersetzt eine fehlende Dachpfanne … (dess war jezz widder ironisch, gell?)

  35. Lutz Hausstein Says:

    @ Vogel:

    Ich finde es erst einmal sehr schön, dass Du auch mit persönlich Erlebten die Diskussion anreicherst. Denn vor allem auch davon leben ja auch teilweise unsere jeweiligen Argumente.

    Ich bin ja nun kein Pädagoge, der auf Erfahrungen aus seiner langjährigen beruflichen Praxis zurückgreifen kann. Ich kann Dir nur meine eigenen Erfahrungen mitteilen und meine Sicht auf diese Dinge.

    In der DDR, wo auch ich zur Schule gegangen bin, gab es eine einheitliche Schule (Polytechnische Oberschule), an der alle Schüler gemeinsam lernten (Ausnahme: Sonderschulen für geistig oder körperlich behinderte Kinder). Auch an den POS gab es Unterschiede zwischen den Lernerfolgen der verschiedenen Schüler. Dennoch hatte ich zu keiner Zeit das Gefühl, dass die „besseren“ Schüler durch die „schwächeren“ Schüler in ihren Lernerfolgen nachhaltig behindert wurden. Mögliche Ursachen dafür kann ich allerdings nicht benennen. Dafür bin ich auf diesem Gebiet zu wenig „Fachmann“.

    Sicherlich hast Du auch recht, wenn Du anmerkst, dass allein längeres gemeinsames Lernen die Probleme im Bildungsbereich nicht lösen kann. Habe ich ja auch nicht gesagt. Nur werden eben durch diese noch frühere Selektion die Probleme in der Bildung noch weiter zunehmen. Insofern ist es für mich eine Verschlimmerung eines schon jetzt alles andere als optimalen Bildungssystems.

    Ich denke, eines der Dinge, die „übernehmenswert“ gewesen wären, wäre u.a. auch das Bildungssystem der DDR gewesen. Eine einheitliche Schule im gesamten Land, keine Kleinstaaterei im Bildungssektor, jeder konnte (z.B. bei Umzug) relativ unproblematisch in eine andere Schule wechseln. Dort wurde nach denselben Lehrbüchern gelehrt, der Lehrplan war selbst zeitlich aufeinander abgestimmt, sodass sogar bei einem Schulwechsel innerhalb des Schuljahres die Wahrscheinlichkeit hoch war, an derselben Stelle in der neuen Schule einzusteigen, wo man auf der alten Schule aufgehört hatte.

    Die Lernmittel waren fast vollständig kostenfrei (bis auf wenige, aber dennoch preisgünstige Ausnahmen), die Schulspeisung sehr kostengünstig (auch bei genereller Qualitäts-Kritik an allen Gemeinschaftsverpflegungen). Eine soziale Selektion in der Bildung fand so nicht statt.

    Doch zum Kern, dem gemeinsamen Lernen, zurück. Es gab für mich nicht nur keine ersichtliche „Behinderung“ der lernstärkeren Schüler, sondern wurde durch das lange gemeinsame Lernen die Sozialkompetenz gestärkt. In jüngeren Schulklassen gab es, meiner Erinnerung zufolge, sogenannte „Patenschaften“ zwischen Schülern. Da traf sich ein „guter“ Schüler nach der Schule mit einem „schwächeren“ Schüler und man lernte zusammen den vergangenen Schulstoff. Der „stärkere“ half dem „schwächeren“ Schüler bei Lernen und erklärte ihm ggf. bestimmte Sachverhalte noch einmal. Ich denke, auch davon profitierten beide. Sicherlich, das wurde von den jeweiligen Klassenlehrern initiiert. Deswegen war es ja aber dennoch nicht schlecht.

    Klar, damals waren auch die Klassenstärken geringer gegenüber heute. Schülerzahlen zwischen 15 und 25 waren, meines Wissens nach, die diesbezüglichen typischen Extremwerte. So konnte natürlich auch jeder Lehrer stärker auf die einzelnen Schüler und seine Bedürfnisse eingehen.

    Mist! Da bin ich doch schon wieder zum DDR-Schulsystem geswitcht. Naja, der Mensch neigt nunmal gern zu Vergleichen, weil es so schön einfach ist. Nichts desto trotz. Man hätte da sehr, sehr viel übernehmen können und damit das bundesdeutsche Bildungssystem verbessern können.

    Doch nun verschlechtert man es sogar noch weiter, eben auch durch die Richtungswirkung dieses Volksentscheids.

  36. andi1789 Says:

    Wie Lutz schon schrieb, scheint es doch in der DDR kein größeres Problem in den Gemeinschaftsschulen gegeben zu haben, zumal das vielbesungene Vorbild Finnland meines Wissens viel aus der DDR übernommen hat.

    Zur weiteren Stützung dieser These sei noch ein Verweis auf die nachdenkseiten angeführt: http://www.nachdenkseiten.de/?p=6219#h01

    Offenbar kann sehr wohl als überholt gelten, was das hamburger Bürgertum an Veränderungsängsten aufgebauscht hat. Vergessen Sie nicht, dass die traditionelle Grundschule eben auf die Selektion nach 4 Jahren ausgerichtet ist, soll heißen, das ganze Kurrikulum ist darauf abgestimmt etc.. Daher würde ich Beobachtungen von Grundschullehrern mit einer gewissen Skepsis begegnen, wie ich oben schon anmerkte.

    Schön wäre, wenn hier ein empirisch arbeitender Pädagoge mitläse und einen Kommentar dazu verfasste.

  37. Direkte Demokratie – Letzte Rettung für die Republik? « politik.de-Blog Says:

    […] Kindern Konkurrenz bereiten könnten. Wenig feinsinnig, sondern recht brachial fasst der Blog Feynsinn das in eigene […]

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