Archive for Juli 2009

Spendenaufruf

Juli 20, 2009

Ich werde in den kommenden Tagen hier die Möglichkeit einrichten, über PilPal direkt Spenden zu überweisen an eine verarmende Familie, deren Elend die Ausmaße einer antiken Komödie annimmt. Man muß sich das einmal vorstellen: Da schleicht eine von ihrer Lebensleistung gezeichnete ältere Frau durchs Unterholz und sucht Löwenzahn für ihren Salat. Die Konserven sind alle von derselben Sorte, Kinder und Enkel können den Geschmack von Blech und Beluga nicht mehr ertragen, und nur noch der Obst- und Gemüsegarten sorgt für ein wenig Abwechslung. Ein Leben im Dienste der Menschheit, vor allem der Behinderten, die nicht mehr selbst in die Stadt fahren und Shoppen können – perdu!

Die ganzen Milliarden gingen für die Mission drauf, die Altersvorsorge auf einen geringen zweistelligen Millionenbetrag geschrumpft. Wenn die Hausangestellten, der Butler und die Chauffeure bezahlt, die Rechnungen für das Hauseigene Kraftwerk und die Sicherheitsfirma beglichen sind, bleiben nur noch 500-600 Euro für die täglichen Besorgungen übrig. Der Mähdrescher steht schon seit Tagen ungenutzt im Garten. Hartz IV ist nah. In welchem Land leben wir, wo Leistungsträger derart bestraft werden?

Ihre Freunde sind auch nicht mehr für sie erreichbar. Klaus Zumwinkel mit einem Bein im Knast, mit den anderen beiden auf den Seychellen, Peter Hartz mit ersterem dito und dem Rest im Puff, Jo Ackermann im Casino. Keiner geht ans Handy. Madeleine wird einfach weggedrückt, keiner hat ihr erklärt, wie man die Rufnummernübermittlung abstellt.

Die letzte Hoffnung für Schickedanzens ist die SPD. Nie hätte sie gedacht, daß sie einmal von Sozialdemokratie würde leben müssen. Heute sieht sie ein, daß dort die wahren Freunde sitzen. Manager in Not finden bei ihnen ein zweites Zuhause. Ein SPD-Finanzminister schützt das klägliche Millionenvermögen und das ebensolche Erbe vor dem letzten grausamen Zugriff des Fiskus.
„Erst dachte ich, die machen mich kaputt mit ihrer Mehrwertsteuer“, soll sie gesagt haben, „aber das sind doch anständige Kerle, die noch wissen, wer in diesem Land die wirklich Bedürftigen sind.“

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Geld ist faul

Juli 18, 2009

Bei weissgarnix findet sich eine interessante Diskussion darüber, wo denn das Geld bleibt bzw. warum das BIP sinkt, wie Banken und Staaten auf dem Geld sitzen und wie das alles zusammenhängt. In der Tat ist es vor diesem Hintergrund immer wieder haarsträubend, daß es eine „Schuldenbremse“ geben soll, daß weder Vermögens- noch Erbschaftssteuer in relevantem Maße erhoben werden und überhaupt alle so tun, als sei alles schon wieder gut. Im Kern des Geschehens versteckt sich noch immer ein Mythos, der längst in den gurgelnden Abgrund der Absurdität getaumelt sein sollte: Daß Geld „arbeitet“.

Der Zwiesprech der Wirtschaftsgewaltigen, welcher Arbeitslose mit „Faulheit“ und Geld so wie seine Besitzer mit „Arbeit“ und „Leistung“ konnotiert, hat wahre Verwüstungen in der öffentlichen Wahrnehmung hinterlassen. Wenn es darauf ankommt, so wird zur Zeit deutlich, liegt das Geld faul herum, die es haben, sitzen drauf und wissen so viel von „Verantwortung“ wie ein Radprofi von sauberem Sport. Die Bänker lassen ihre Institute fein retten und sind nicht bereit, ihr Geschäft zu bestellen, nämlich das Risiko einzugehen, Kredite zu vergeben an Betriebe, die damit real wirtschaften. Sie halten es vielmehr schon lange für ihr Geschäft, Hand in Hand mit Besserbesitzenden nur dann ein wenig Schweiß zu investieren, wenn das mit mindestens zweistelligen Gewinnen belohnt wird. Ihre Spitzenangestellten lassen sich gar noch die von ihnen erwirtschafteten Verluste vergolden.

Das möchte ich in einem Betrieb sehen: Der Schlosser greift nur zum Werkzeug, wenn er am Ende des Jahres ein Viertel mehr Lohn in der Tasche hat, und wenn er die Maschine kraft seiner Dummheit oder Fahrlässigkeit in den Ruin repariert hat, läßt er sich ein doppeltes Jahresgehalt auszahlen, um bald die nächste Firma mit seinen Kompetenzen zu beglücken.
Oder die Gründer einer Fabrik sind nur dann bereit, etwas produzieren zu lassen, wenn ihnen jemand Gewinne garantiert und drohen damit, gar nicht erst das nötige Material einzukaufen, wenn nicht sämtliche Produkte per Vorkasse bestellt werden.

Was sich da in den Finanzmärkten tummelt, ist ein Schlag, der das Gegenteil dessen verkörpert, womit er medial stets behängt wird: Leistungswille, Risikobereitschaft, Verantwortung und Fleiß. Sein eigenes Geld in die Hand zu nehmen, eine Idee zu entwickeln, sie umzusetzen und Mühen aufzubringen, in der evtl. vagen Hoffnung, daß sie nicht umsonst sein werden – dieses Bild des Unternehmers ist alberner als die Behauptung, es gäbe Drachen, die sich von Jungfrauen ernähren. Das Ziel der martkliberalen Betätigung ist der schnelle, hohe und sichere Gewinn. Es ist das Ideal einer dreisten Faulheit, die höchsten Lohn für geringsten Einsatz fordert.

Soll ein Markt aber florieren, muß er anders organisiert werden. Anstatt denen, die durch nur attraktivste Gewinnaussichten zur Arbeit zu bewegen sind, auch noch den Hintern zu pudern, muß das Geld in Bewegung gehalten werden (womit wir noch nicht einmal bei halbwegs gerechten Verteilung sind). Wer auch immer sich heute zum Wirtschaftsexperten aufschwingt, muß dieses Problem in Blick haben. Und zum Beispiel eine bessere Idee präsentieren können als etwa Silvio Gesell, der Marx allmählich den Rang abläuft als das absolut Böse ökonomischer Abwegigkeit.

Zu schnell

Juli 13, 2009

Jetzt reden sie alle über Desertec, das hatte ich hier schon vor Tagen Wochen. Und überdies schon vor drei Jahren, wie ich in der mir und meiner Kristallkugel eigenen Bescheidenheit hinzufügen darf.
Dann gehe ich auch noch hin und starte Mitten in der Nacht einen neuen „Underdog“, nachdem ich bereits einen Artikel gepostet hatte, der daher nicht kommentiert wird. Gemein! Ihr könnt euch das ja mal überlegen, ob da nicht ein klitzekleiner Kommentar drin wäre. Hm? Sonst werde ich womöglich demnächst komisch. Und langsam. Dann gibt es nur noch alle paar Tage Artikel. Dann kommen weniger Leser. Dann schreibe ich noch weniger. Und so weiter. Tzis!

Der nächste Underdog

Juli 13, 2009

underdog

Wie jedes Jahr seit der Erfindung des Grimme-Online-Achwat wird auch 2009 wieder ein guter Hund auszuzeichnen sein. Es sei ein Blog, das mindestens ein Jahr besteht, außergewöhnlich ist und nicht die Aufmerksamkeit erhält, die es verdient. Ich bitte um Vorschläge und Vorstellungen, ausdrücklich nicht um Voten. Wer also ein Blog kennt, das viel besser ist als Technorati oder sonstige Awareness-Instrumentalisten glauben, möge es mir vorstellen. Ich werde als einsame Jury unbestechlich und vorurteilsbeladen meine Auswahl treffen, wenn ich soweit bin.

Beeinflussen lasse ich mich schlimmstenfalls von den vorherigen Preisträgern. Das macht so einen tollen demokratischen Eindruck.

Viel Rauch um ein paar Menschenschinder

Juli 12, 2009

„Wir wollen nach vorn schauen“. Präsident Obama hatte bislang versucht, offizielle Untersuchungen zu Folter und Morden zu unterdrücken, die von US Geheimdiensten begangen wurden. In der Tat wird es kaum möglich sein, vor dem Rückzug der Truppen aus Afgahnistan und dem Irak weitere Enthüllungen zuzulassen, die gröbste Schindereien bekannt machen. Daß junge Soldaten ausbaden müßten, was Schweinehunde in der Etappe sich ausgedacht und deren willigste Handlanger vor Ort ausgeführt haben, gäbe ihm beinahe recht.

Beinahe, denn wenn ein Krieg nicht geführt werden kann, ohne daß die von den eigenen Leuten begangenen Greuel Rachetaten hervorrufen, dann darf er eben nicht geführt werden. Und wie absurd ist eine „Mission“, die ein Land unter solchen Umständen „zivilisieren“ soll? Afghanen wie Iraker hatten längst vor dem Einmarsch der Befreier unter Beweis gestellt, daß sie auch selbst foltern können.

Aber es geht um etwas anderes, und da ist Justizminister Holder für sein Beharren zu danken. Es geht nicht um die Wirkung auf Truppen oder Taliban, es geht eben um die Rolle der Befehlshaber, zuerst und zuletzt denen aus der Bush-Administration. Was können die Truppen verlieren, wenn ein menschlicher Abgrund wie Dick Cheney ausgelotet und in ihm Massenvernichtungswille gefunden würde? Was wäre, wenn nicht Lynndie Englands Phantasien in den Folterknästen ausgelebt worden sind? Was, wenn es da noch ganz andere Einfälle gab und was, wenn sich am Ende ein Szenario auftut, das Auschwitz näher kommt als allem, was noch mit Demokratie und Rechtsstaat zu tun hat? Verschweigen, weil es die Mission gefährdet?

Gefährdet ist der Rest menschlichen Anstandes, der gerade aus den Ruinen einer US-Präsidentschaft wieder auferstehen kann. Sollte das alles unter Teppich gekehrt werden, was rund um die großen Feldzüge der Haliburton-Regierung an Dreck angehäuft wurde, braucht man nicht nur einen verdammt großen Teppich, sondern auch einen unbeugsamen Willen zur Solidarität mit den Tätern.
Was wäre gefährdet, wenn man sich endlich mit der Wirklichkeit auseinandersetzte? Was außer der Unangreifbarkeit von Monstern wie Cheney, Rumsweld, Wolfowitz und ihres Pappkameraden George W.?

Überhaupt, die Gefahr: Wenn unter ihren Augen Menschen geschunden werden, sehen sie keine Gefahr. Sonst überall: Als Luftspiegelung von Massenvernichtungswaffen, als Volk von Terroristen, als Terrordrohung aus der Nachbarschaft und neuerdings als Feind aus der Schachtel. Ernsthaft machen sich da welche Sorgen um die Gesundheit der Soldaten und wollen ihnen das Rauchen verbieten. Das kann nämlich tödlich sein.

Aber da wir des Pudels Kern kennen, dürfen wir vermuten, daß es die Tabakindustrie selbst ist, die ihre Lobbyisten losgeschickt hat, um das Bild von GI mit der Kippe im Kinn aus den TV-News verschwinden zu lassen. Es dürfte längst geschäftsschädigend sein, daß diese verrohten Verlierer dauernd mit den teuer beworbenen Qualitätsprodukten der ehrenwerten Industrie herumlaufen.
Man kann sich um die US-Soldaten viele Sorgen machen, nur eine sicher nicht: Einen Ruf haben sie nicht mehr zu verlieren.

Der Fluch des Pageranks

Juli 11, 2009

titten

Und das geht seit Tagen so. Merke: Nie wieder ein Posting mit solchen Wörtern („Titten und Hitler“) überschreiben!

Gabriel verkündet unbefleckte Versorgung

Juli 10, 2009

Die Lichtgestalt der Restsozialdemokraten hat wieder einmal gut aufgepaßt. Steinmeier, der große Retter und Beckweg-Bereiter erweist sich als angehender Rohrkrepierer, und es ist absehbar, daß nach dem großen Knall, auch wenn die Granden diesen nicht hören werden, einige Stellen vakant werden. Da ist es nur billig, dem Kandidaten ganz solidarisch beiszuspringen und ihm ein Thema zu liefern, mit dem man sich selbst profiliert, das Allerschlimmste verhindert und dennoch sicher sein kann, daß der Erfolg nicht zu groß wird.

akwtext

Daß die Skandalserie bei Vattenfall eine aktuelle Auffrischung bekommen hat, trifft sich gut für Gabriel. Bislang hatte er viel „kritisiert“ und war nie als Freund der Atomlobby aufgetreten, als zuständiger Minister hat er aber auch keinen der Schrottmeiler dieser Hasardeure abschalten lassen. Gelegenheiten gab es reichlich, aber erstens durfte sich Vattenfall selbst bescheinigen, daß ihre Anlagen sicher seien, zweitens haben andere (und nicht nur ich) bereits vor Jahren festgestellt, daß die Firma unzuverlässig ist und auch Brunsbüttel längst hätte vom Netz genommen werden müssen. Drittens ist es immer bequem, zu „kritisieren“ und niemandem wirklich auf die Füße zu treten.

Daß Gabriel, der linke Seeheimer Netzwerker, nichts getan hat, um Reaktorsicherheit durchzusetzen, mag daran liegen, daß er es sich mit den Rechten nicht verscherzen will – und daß er die „Welt“ liest. Die hat am Mittwoch festgestellt, daß „sozialdemokratische“ „Experten“ wie der gekaufte Lobbyist Clement und der Meinungsmacher Güllner vor einem „Anti-Atom-Wahlkampf“ warnen, sonst „würde man die Hälfte der Anhängerschaft der SPD verprellen„.

Gabriel wird keinen „Anti-Atom“-Kurs fahren, aber knallhart den Anti-Vattenfall-Minister geben. Er wird jetzt noch genauer hinschauen und intensivst beaufsichtigen. Das wird ihm und seinem Noch-Chef ein wenig Beifall und paar Stimmen bringen. Radikalere Maßnahmen wie eine echte Kontrolle und die sofortige Stillegung von Krümmel und Brunsbüttel würden einem Grünen Minister helfen, aber nicht dem wendigen Gabriel.

Es wird also bei dem bleiben, was der schon seit biblischen Zeiten am besten konnte: Verkündungen. Selbst eine verantwortlungslose Gurkentruppe wie Vattenfall hat am Ende nicht viel zu berfürchten. Es sei denn, daß die Neoliberalen aus dem anderen Lager eines Tages rechnen lernen und erstaunt feststellen, was Kernkraft wirklich kostet. Darauf wird man freilich lange warten, denn eines ist wirklich sicher: Die verstehen zwar etwas von Geld, haben aber keine blasse Ahnung vom Wirtschaften.

Bundesbank wird privatisiert

Juli 9, 2009

Als eine der ersten europäischen Zentralbanken wird die Bundesbank privatisiert. Sie wird als Gegenpol zum Bad-Bank-Modell als „Good Bank“ aufgestellt und erhält weitgehende Vollmachten. So soll sie nicht nur frei über die Goldreserven verfügen können, sondern auch in Kooperation mir der EZB die Geldmenge bestimmen.

Bundesfinanzminister Steinbrück sagte dazu:
Wir haben damit alle Vorteile auf unserer Seite. Wir können die Goldreserven für einen guten Wert weitergeben, ohne daß der Marktpreis dadurch sinkt. Der Bundeshaushalt wird dadurch schon 2012 ohne neue Schulden auskommen. Und da der Staat ein schlechter Bänker ist, wird sich die Qualität der Arbeit der Bundesbank nur verbessern.“
Befragt, ob es auf lange Sicht nicht eine große Hypothek sei, sich von einer privaten Bundesbank abhängig zu machen und auf deren Gewinne zu verzichten, reagierte Steinbrück ungehalten. Eine Politik mit Augenmaß, die in der Krise außergewöhnliche Maßnahmen ergreife, werde immer nur bekrittelt, sagte er.

Chef der privaten Bundesbank wird Hans Tietmeyer, als Aufsichtsratsvorsitzender ist Otto Graf Lambsdorff im Gespräch.

Nur eine kleine Staude

Juli 8, 2009

Aktuell findet sich in der FAZ eine ganze Reihe von Artikeln zum Fall Nikolaus Brender, der jüngste ist ein Kommentar von Hartmann von der Tann, der noch einmal darlegt, wie um den Posten des Chefredakteurs des ZDF ein durchschaubar erbärmliches Spiel um parteipolitische Interessen angezettelt wird. Dabei tut sich die CDU in besonderem Maße hervor, und in ihren Reihen noch einmal der große Erzdemokrat Roland Koch.
Die Dreistigkeit der Einflußnahme von Politikern auf die Öffentlich-rechtlichen Medien ist nur noch durch die Dummheit der „Argumente“ zu steigern, die dazu angeführt werden.

Ich kann nicht sehen, daß Brender ein journalistischer Gigant wäre, aber er macht eine passable Arbeit, die für einen Personalchef mit Verstand keinen Anlaß gäbe, seinen Vertrag nicht zu verlängern. Sein Intendant und die Mitarbeiter sehen das ganz offenbar genauso, nur die Lobbyisten ihrer selbst, die in dem Verfahren eine entscheidende Rolle spielen, wollen ihn eben nicht. Er ist einfach nicht korrupt genug.
Diese Baustelle ist nur eine von vielen, die seit Jahrzehnten als Schlachtfeld um den politischen Proporz dient. Allerdings trat das selten so offen zutage, und bislang hatten die Granden im Hintegrund meist noch den Anstand, erst um eine Planstelle zu zanken, wenn sie wirklich frei war.

Inzwischen ist das anders. In jeder kleinen Staude der großen Bananenrepublik wird gekämpft und gekeilt, gelogen und manipuliert, rücksichtslos die Durchsetzung von Interessen betrieben. Was gelten noch offene Auseinandersetzungen, echte Argumente, Respekt vor dem Gegner, der Versuch, andere zu überzeugen? In einer Republik, deren Parlament es für eine „Debatte“ hält, wenn Aufsätze, die niemand liest, in einem Karton gestapelt werden, weiß man, daß Entscheiden nichts mehr mit Abwägen und Argumentieren zu tun hat. Es ist das Resultat von nehmen und nehmen, und der Stärkere nimmt eben alles.

Flexstrom – eine verzichtbare Erfahrung

Juli 7, 2009

Ich hatte vor einiger Zeit festgestellt, daß mein Stromanbieter nicht nur zu den vier Riesen in Deutschland gehörte, sondern auch nicht besonders günstig war. Zwar beschäftige ich mich ungern mit solchen Dingen und bin auch nicht der Mensch, der zu Fuß nach Köln läuft, um einen Euro zu sparen, aber sich unnötig von den Stromgiganten abhängig zu machen, ist ja auch nicht vernüftig.

Ich beschloß also zu wechseln, schaute mich um und fand mit „Flexstrom“ einen Betreiber, der günstig schien und auch so angepriesen wurde. Der Trick war offenbar der, daß man der Firma ein Paket abkaufte, eine bestimmte Strommenge also, beide Seiten mit verläßlichen Bedingungen arbeiten konnten und daher die Sache rund war. Da ich meinen Stromverbrauch sehr gut einschätzen konnte, schien sich das zu lohnen.

Im ersten Jahr war das auch in Ordnung, der Verbrauch wie immer und der Tarif günstig. Es folgten trotz vereinbarten Paketpreises Preiserhöhungen. Das ist vertraglich im Prinzip machbar, wenngleich schon ärgerlich. Der Clou ist aber, daß die Mitteiliung der letzten Preiserhöhung so geschickt getarnt wurde, daß die Firma nun der Meinung ist, ich hätte der Erhöhung nicht rechtzeitig widersprochen. Daher könne ich nicht vor Ablauf des Jahres kündigen. Der „Geschäftsbrief“, in dem mir die Tarifänderung mitgeteilt wurde, sieht so aus:

flexfly

So etwas landet bei mir gern mal ungelesen im Müll. Alle anderen Briefe von Flexstrom sahen und sehen übrigens völlig anders als aus als dieser Flyer mit Reisewerbung. Ich habe das Ding nach einigen Tagen dennoch gelesen, weil ich mich fragte, was dieses Stempelchen „Wichtige Informationen zu ihrem Tarif“ wohl hieße. Ich dachte, es gäbe neue Tarife der Firma, auf die man ggf. wechseln könne.

Stattdessen wurde mir zu einer Zeit, da die Energiepreise flächendeckend purzelten, mitgeteilt, man müsse jetzt den Strompreis erhöhen, weil Strom doch so teuer geworden sei.
Das „Schreiben“ trägt übrigens kein Datum, aber dafür wird mir eine Frist gesetzt, innerhalb derer ich kündigen könne. Der Text geht lose auf ein Streichholz (die Abbildung ist vergrößert!):

14tage

Ich hatte übrigens wirklich Schwierigkeiten, das zu lesen und kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß diese Barriere durchaus absichtsvoll besteht.
In dem guten Glauben, rechtzeitig zu reagieren und amüsiert über ein Schreiben, das keines ist, das kein Datum enthält und dennoch eine Frist setzt, habe ich also den Vertrag mit Flexstrom gekündigt.

Es wird niemanden überraschen, das diese Kündigung von meinen neuen Freunden nicht akzeptiert wurde. Diese behaupten, sie sei nicht fristgerecht eingegangen, ich müsse daher also weitere fünf Monate von dort meinen Strom beziehen. Ich wies in einem weiteren Schreiben darauf hin, daß ich dieses Vorgehen, die Form des Schreibens und die Veränderung des Vertrages meinerseits für inakzeptabel halte. „Unentschieden“, sagt der Schwarze Ritter.

Mein Tarif enthält übrigens eine „Bestprice Garantie“ für 54 Euro. Ich werde noch einmal nachhaken, was dieses putzige Nebenkostenwesen ist und wovon es sich ernährt. Vielleicht ist es eine Garantie für Preiserhöhungen?
Ich kann jetzt riskieren, daß man mir den Anschluß sperrt oder vor Gericht gehen. Oder ich kann mir und meinen lieben Freunden von Flexstrom diese Erfahrung eine Lehre sein lassen.

Mich kostet der Spaß gut hundert Euro, die anderen einen Kunden. Ich wechsle übrigens zu den nächstgelegenen Stadtwerken. Drei Anrufe dort, und ich habe bei allen nicht eine Minute warten müssen, bis jemand an Telefon ging. Keine horrenden Zählergebühren, keine versteckten Kosten und eine erfrischend kurze Kündigungsfrist von wenigen Tagen. Insgesamt fast 200 Euro günstiger. Man muß halt manchmal zweimal hingucken.

Tja, und meine guten Freunde, die unnerreichbaren Lieblinge aller Kunden und Könige des fairen Wettberwerbs? Ihnen rufe ich fröhlich und entspannt zu: „Fahrt zur Hölle“, denn da wird immer reichlich Energie gebraucht und die Kunden stehen auf solch charmante Behandlung.