Archive for März 2009

Sozialdemokraten in der SPD

März 31, 2009

Eins nach dem anderen: Die „SPD-Linke“ findet die Linkspartei doof und feixt, daß deren Spaltung bevorstehe, so die FR. Gemeint sind damit Helden wie Wowereit und Scholz, die so links sind wie der Daumen an der rechten Hand. Immerhin finden sie auch die FDP doof und haben recherchiert,
die FDP predige immer noch ihre alten ‚Rezepte‘ aus der Zeit vor der Krise, die ‚uns in den Untergang geführt haben‘ „.
Eine feine Ironie, daß die alten Rezepte der FDP die SPD in den Untergang geführt haben. Hätten sie doch selber welche gehabt! Aber alles wird gut, denn:
Die Leute verlassen sich lieber auf die SPD als auf die dicken Sprüche von Oskar Lafontaine„,
wissen diese „SDP-Linken“. Wenn sie dann ein paar Prozent mehr holen als die bösen Demagogen von wirklich links, ist das wohl so etwas wie „Ergebnisgerechtigkeit“. Eine wunderbare Realsatire.
Noch besser ist freilich die Gründung der Selbsthilfegruppe „Sozialdemokraten in der SPD“. Die Idee hätte von mir sein können, und die Jungs und Mädels sind echter Zunder. Die Partei wird sie womöglich bald sehr viel mehr lieben als die „Macher“ vom Schlage Stein, Stein und Münte. Party auf der Titanic, der Sekt steht schon auf dem Eisberg.
Aus diesem aktuellen Anlaß und weil ich es eh schon länger vorhatte, hat Feynsinn einen neuen Untertitel. „Glück auf!“, wie der Schiffsbrüchige sagt.

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Kaufzwang: Der Kunde wird abgewrackt

März 29, 2009

Ich lasse mich abwracken. Nach diesem Wochenende bin ich endlich so weit, daß ich erkennen muß: Zwofünf werden für mich nie wieder geboten, und es gibt Tage, da wünscht man sich den Frieden der Gruft. Nun wäre es der reinste Hohn, wenn ausgerechnet ich in der Schrottpresse verwertet werden würde. Daher belasse ich es beim übertragenen Sinn und trenne mich von meinem Auto. Ganz zufällig komme ich aktuell in den Genuß der Erfahrung, wie sinnig „der Markt“ reagiert, wenn man ihm „hilft“.
Ich hatte mir nämlich vor vier Wochen aus einer Laune heraus ein Angebot von einem Autohaus machen lassen. Meine olle Mühle war schon zwöf Jahre alt und hatte 200.000 km runter, da dachte ich mir: Wenn ich eh mit meinen Steuern diesen Blödsinn finanziere, vielleicht zwingen sie mich ja, davon auch zu profitieren.
Der geschniegelte Schönsprecher, mit dem ich also ins Gespräch kam, machte mir ein akzeptables Angebot, das ich dann in Ruhe daheim studierte. Ich habe das durchgerechnet und bin zu dem Schluß gekommen: Muß nicht. Ich fuhr einen Toyota Starlet, den ich sehr mochte und der seit zehn Jahren nicht mehr gebaut wird. Ich beschloß, ihn zu behalten, bis er sich von selbst zerlegt.
Das Dumme kleine Ding! Keine vier Wochen später ging auf der Bahn das gelbe Lämpchen an und die Temperaturanzeige deutete auf den Himmel über mir. Dorthin wollte er also. Da er sich das sehr innig wünschte und mich davon überzeugte, indem er die Zylinderkopfdichtung und den Kühler platzen ließ und bei der Gelegenheit auch dem Zahnriemen die letzte Ölung gab, hatte ich ein Einsehen. „Meine Frau, mein Auto, mein Haus“, dachte ich nur. Nein, obdachlos bin ich noch nicht, aber das Jahr fängt echt gut an.
Zurück zum Thema: Ich rief also bei Schniegel an und erinnerte ihn an sein Angebot. Er druckste erst ein wenig herum und erklärte mir dann, daß es nicht mehr gilt. Der Rabatt ist gestrichen, die Karre soll jetzt 1500 Euro mehr kosten. Was soll man auch mit Rabatten, wenn es eine Abwrackprämie gibt? Der Staat finanziert’s doch – dann kann man die Kohle ja komplett einstreichen.
Dieses Marktverhalten ist nur noch jemandem nachvollziehbar, der sich für unwiderstehlich hält und „Kunden“ für etwas weitgehend Entbehrliches hält, das lediglich dazu gut ist, bündelweise Geld in die Kasse zu werfen. Ich habe Schniegel diesen Umstand nicht weiter erklärt, ihm verdeutlicht, daß ich mich auch von ihm trenne und ihm „viele zufriedene Kunden“ gewünscht.
Der Trend scheint sich derzeit duchzusetzen. Auch ein anderer Anbieter, den ich am Samstag aufgesucht habe, zieht seine Rabatte zurück, hat aber immerhin eine klare Frist gesetzt, innerhalb derer sie noch gewährt werden. Ich werde am Montag den Kaufvertrag zurückschicken und mir eben dort ein Auto bestellen.
Der Markt für Gebrauchtwagen ist derweil im Eimer. Ich hätte ja lieber ohne Händler ein KFZ erworben, aber was willste machen?
Die Konjunktur ist kräftig angekurbelt am Automarkt. So kräftig, daß sie schon völlig besoffen sind und nach ein paar Wochen Erfolg ihre Kunden von morgen verprellen. Wenn man gerade in Deutschland die Ursachen für Wirtschaftskrisen sucht, so sollte man nicht außer Acht lassen, daß die Verachtung der Endabnehmer, des Zahlviehs, des Kundenpöbels, genau so tief sitzt wie die der schwitzenden Kostenfaktoren in der Produktion. Wirtschaft könnte so schön sein, wenn die glänzenden Effizienz ausstrahlenden Produkte sich nur endlich selber kaufen würden. Aber das kriegen wir auch noch hin.

Lenkungsausschuss

März 29, 2009

Wahlen. Wahlkampf. Parolen. Gleichlautende Artikel, stromlinienförmige Journaille. Politische Notdurft in Form von Sachzwang, „Alternativlosigkeit“ und froschperspektivischer Darstellung aktueller „Macher“. Zweck und Resultat dieser Veranstaltung: Ein Parlament, geboren aus öffentlicher Verblödung. Folge dessen: Eine Regierung, gewählt vom Parlament. So weit, so theaterdemokratisch.
Geht auf die Straße, fragt jeden, den ihr kennt und den ihr nicht kennt, was der „Lenkungsausschuß“ ist, der im Rahmen des „Konjunkturpaketes“ Milliarden verjubelt.
Ach was, das ist gar nicht nötig, das weiß eh niemand. Geschweige denn, wer da sitzt, warum, und was von ihnen zu erwarten ist. Und es zu wissen, was hilft es?
Wenn jemand Demokratie und Verfassung so gar nicht leiden kann, mag er sich in seinen bösen Phantasien einiges erträumen. Eine geniale Idee wie der „Lenkungsausschuss“ wäre ihm wohl zu weit gegangen.
Gute Nacht, Deutschland, es ist Sommerzeit!

Es ist vieles besser geworden

März 27, 2009

Ich hörte heute im Radio einen Ausschnitt der der Rede von Angela Merkel zum Nato-Gipfeltreffen, in dem sie eine ihrer beiden Standardfloskeln nuschelte, ihre Nummer zwei quasi. Nummer eins ist, nicht zuletzt durch Volker Pispers bekannt, „eine gemeinsame Lösung“, die wir finden müssen oder wollen oder anstreben oder bei Obi.
Nummer zwei ist die klassische Kombination: „Mauer und Stacheldraht“.
Leider kann ich keine Printausgabe ihres rhetorischen Großfeuerkwerks finden. Schade, ich hätte mich gern näher damit befasst.
Jedenfalls mußte ich schmunzeln, als sie sagte, die NATO habe uns das Ende von Mauer und Stacheldraht beschert.
„Jo, und den Natodraht“, dachte ich, „wenn das ma nix is!“

natodraht
[originalfoto:frank c. müller/wikipedia]

Kinderpornographie ist geil – Für Wahlkampf und Überwachung

März 25, 2009

Wenn man sich ernsthaft mit Kinderpornographie beschäftigt, sind einige zentrale Aspekte zu beachten, die in der öffentlichen Ausschlachtung des Themas von den Protagonisten nonchalant übergangen werden. Zuallererst ist der „pornographische“ Aspekt völlig nebensächlich. Was nach Kräften einzudämmen wäre, ist Kindesmißbrauch. Dazu gibt es viele diskutable und einige indiskutable Mittel. Das Phänomen ist äußerst komplex. Kindesmißbrauch findet in aller Regel im Familienumfeld statt. Dort sind die Täter am sichersten, eine Aufklärung deshalb schwierig, weil die Delikte nicht bekannt werden. Außerhalb dieser Sphäre sind es selten aggressive Einzeltäter, die fremde Kinder anfallen und mafiöse Strukturen, die ein Geschäft mit der Vergewaltigung von Kindern machen. Schon diese sehr unterschiedlichen Tathintergünde verlangen ein sehr differenziertes Herangehen an Prävention und Aufklärung. Niemand hätte etwas dagegen einzuwenden, wenn den Fachleuten, die sich damit befassen, die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt würden.
Das Filmen solcher Untaten macht es den Kriminellen möglich, damit auch noch Geld zu verdienen oder sich gegenseitig Videos von Vergewaltigungen zukommen zu lassen. Die wenigsten haben ein Interesse daran, dafür den Weg übers Internet zu wählen, das Material womöglich frei zugänglich zu machen. Sie gingen ein immenses Risiko ein, ohne selbst etwas davon zu haben. Die Verbreitung über Tauschbörsen und Handys ist wesentlich effektiver, offenbar auch Usus (siehe den Fall Tauss), und wird durch das Sperren von Internetseiten überhaupt nicht beeinträchtigt.
Für die Aufklärung von Straftaten liefern die Videos sogar Beweise, die sonst nicht zu erbringen wären – soweit es sich um Delikte im privaten Umfeld handelt.
Die Förderung des Kindesmißbrauchs durch Pornographie beschränkt sich somit auf die Fälle, in denen Kinder aus geschäftlichem Interesse geschändet werden. Solche Fälle gibt es, aber gerade diese finden in professionalisierten Strukturen statt, die von den Sperren ebenfalls wenig beeinträchtigt werden.
Frau von der Leyen interessiert das alles wenig. Sie behauptet stattdessen einfach:
Und was mich auch umtreibt, ist, dass nach dem Konsum von Kinderpornographie jeder Fünfte so süchtig wird, dass er das in der Realität erleben möchte. Das heißt, dass er sich umschaut nach Kindern auf unseren Straßen.
Woher hat sie diese Weisheit? Daß es die „Sucht“ nach Pornographie generell gibt, ist disktuabel. Aber würde jemand behaupten, daß sich „Pornosüchtige“ „auf unseren Straßen“ nach Frauen umschauen, weil sie Sexvideos angeschaut haben? Entsteht Pädophilie durch Kinderpornographie? Woher weiß sie, daß es „jeder Fünfte“ ist? Gibt es repräsentative Umfragen unter Kinderschändern?
Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, sich seriös und professionell mit der Materie zu beschätigen. Ohne Zahnschmerzen ist das schwerlich möglich, auch wenn man die innere Distanz dazu weitgehend aufbringt. Ist man nicht beruflich damit befaßt und hat keine Möglichkeiten, sich mit Literatur und Kollegen dazu auseinander zu setzen, gibt es kaum vernünftige Möglichkeiten, mit dem Thema umzugehen. Wie auch?
Genau das belegt das Theater einmal mehr, das da gespielt wird. Es ist Empörung und Affekt. Zusammenhänge und Hintergründe kann man nicht in zwei Minuten in der Tagesschau darlegen. Und schon gar nicht, wenn man Horrormärchen erzählt von Monstern „in unseren Straßen“. Wenn die Konservativen die moralische Empörung des Volkes in Anschlag bringen, fällt gerade das auf sie selbst zurück. Was sie da treiben, ist schamlos und macht die Opfer solcher Taten zum Wahlkampfvehikel.
Dazu paßt auch, daß der Popstar von Guttenberg nun auch etwas zu melden hat in der Sache:
Er läßt also mal flugs das „Telemediengesetz ändern“ als einer der Anständigen, die sich da so mächtig ins Zeug legen. Völlig ohne Sinn und Verstand, dafür mit viel Druck, wird der Streifen durchgezogen. Um die Diskussion über die Möglichkeit einer wirksamen Sperre gar nicht erst aufkommen zu lassen, werden einige Provider zur Unterstützung dieser intellektuellen Nullnummer eingespannt, und wer nicht bedingungslos mitmacht, wird denunziert.
Daß die Wirksamkeit zur Verhinderung der Verbrechen an Kindern äußerst gering ist, darüber sind sich diejenigen weitgehend einig, die sich sachlich mit dem Vorhaben befassen. Daß die vorgeschlagene Maßnahme hingegen äußerst wirksam weitere Bürgerrechte abzubauen geeignet ist, die Nachricht hinter der Nachricht.
Die einmal installierte Filtertechnik läßt sich problemlos ausweiten. Als nächstes kommt wie das Amen in der Kirche, daß man auch „terroristische“ Inhalte filtern muß. Denn wer will, daß tausende sterben, weil im Internet der Dschihad verkündet und vorbereitet wird? Etcetera.
Man weiß nicht, was schließlich in der Durchführung schlimmer sein wird: Daß das BKA oder irgendeine „Behörde“ für die Durchführung zuständig sein soll und sich bislang noch niemand Gedanken darüber gemacht hat, wer das Ganze wirksam kontrolliert. Wohlgemerkt: Es geht um die Zensur der öffentlichen Kommunikation, die hier völlig sorglos als Mittel zur Verbrechensbekämpfung angepriesen wird.
Populistischen Unsinn als Mittel der Politik sind wir längst gewöhnt. Als durchsichtiges Wahlkampfmittel und billige Werbung für Unions-Minister erreicht er in dieser Ausprägung allerdings neue Dimensionen. Die Verdummungs- und Affektmaschine läuft ungebremst, wie immer hat die SPD nichts grundsätzlich dagegen, und am Ende kommt ein Gesetz dabei heraus, das in Karlsruhe wieder saftig abgewatscht werden wird. Die Ressourcen, die dafür vergeudet werden, fehlen derweil denen, die seriös und im Stillen daran arbeiten, daß dem Grauen so wirksam wie möglich Einhalt geboten wird. Wahlkampf und öffentliche Erregung können die übrigens am wenigsten gebrauchen.

Nachschlag: Schulen wie Strafanstalten

März 25, 2009

In der Diskussion um meinen gestrigen Artikel habe ich mich bemüht, auf einige Kommentare nicht gar so unwirsch zu reagieren wie mir zumute war. Ich wundere mich nicht zuletzt darüber, daß einerseits der Satz „Schafft die Schulen ab“ ohne Empörung hingenommen wurde, andererseits aber Elemente meiner Polemik en detail kritisiert wurden.
Dabei lag mir der Satz auf der Zunge: „Geht doch einfach mal hin und schaut Euch eine beliebige Schule an. Wer Jahre in solchen Löchern zubringen muß, wird nicht mehr als Mensch wahrgenommen.“
Betonquader mit Aufputzleitungen, vorn die Schmachtafel, Möbel, die zwar orthopädisch geformt sind, aber eben die Funktionalität ausstrahlen, die ihre Besitzer zum Teil des Möbels werden lassen. Wäre ein Kinder- oder Jugendzimmer so eingerichtet, man wäre zurecht alarmiert.
Die TAZ schreibt heute über den Architekten Peter Hübner, der Schulen gar mit Strafanstalten vergleicht. Ich mag da einfach keine Ausreden mehr hören, es steht die Frage im Raum: Wie kann so etwas als akzeptabel, gar als „normal“ hingenommen werden?
Wenn ich viele Jahre an derselben Einrichtung zu verbringen gezwungen bin, sollte ein gewisser Mindestkomfort selbstverständlich sein. Bei Schulen ist das anders. Man kann zwar 35 Schüler in eine Klasse pferchen, man gibt ihnen aber nicht die Möglichkeit, diese wenigstens zu gestalten. Das scheitert nicht zuletzt daran, daß, wie auch Hübner feststellt, die Klassen und ihre Schüler ja „Nomaden“ sind, die keinen eigenen Platz haben. Sie werden nach funktionalistischen Raumplänen zugeteilt, manchmal wechseln sie zweimal im Jahr ihren Raum. Wer kommt da schon auf die Idee, es sich gemütlich zu machen? Da zum Teil auch unterschiedliche Klassen dieselben Räume benutzten, ist das Verhältnis zum „Platz“ dem entsprechend: Ich hinterlasse meinen Müll einfach dem Nächsten.
Es gibt viele dolle Argumente, warum das alles so sein muß, vor allem ist es natürlich „das Geld“. Die Schüler sind keinen Eimer Farbe wert. Lehrer sind keine Maler. Und überhaupt ist die Gestaltung der Räume nicht der Job von Lehrern und Schulleitung. Womöglich stehen gar Brandschutz, Bauordnung und höhere religiöse Werte einer liebevollen Gestaltung des Arbeitsplatzes im Wege.
Man wundert sich dann, daß Schüler die Einrichtung randalieren, das Klo nicht putzen und überhaupt keinen Respekt vor öffentlichem Eigentum haben. Ich weiß, daß jetzt so mancher in den Startlöchern steht und von engagierten Lehrern und Eltern zu berichten weiß, die aber hier und dort echt was bewegt haben. Setzen, sechs! Solche Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Sie sind Operationen an einem todkranken Patienten.
Das Signal ist fatal, das von solchen Räumen ausgeht: Dies ist der karge Ort, an dem ihr eure Schulpflicht zu erfüllen habt. „Willkommen“ heißen sie niemanden. Dabei muß man gar kein Menschenfreund sein, um diese Zustände bedenklich zu finden. Pädagogen sollten die „Broken-Windows-Theorie“ kennen. Soll man ihnen dann nicht auch abverlangen, daraus Schlüsse auf ihre Schulwelt zu ziehen?
Die Schule ist einer der wichtigsten Teile der Lebenswelt ihrer Schüler. Ein Blick genügt um zu erkennen, wieviel Respekt sie ihnen entgegenbringt.

Lernen, Leistung, Lust: Ein Systemversagen

März 24, 2009

Fragt man heute Hauptschulabgänger danach, was „Exxon Valdez“ bedeutet, wissen die beleseneren unter ihnen, daß es sich dabei um einen Fußballspieler handelt. Man würde ihre Leistung mit „drei plus“ einstufen, da es sich immerhin bei beiden Valdez um Großkatastophen handelt und die Schüler ihr Ziel ebenso stets knapp verfehlen wie Nelson Valdez und der Öltanker. Letzterer zwar nur einmal und vor 20 Jahren, dafür aber umso gründlicher. Diese Bewertung paßt bestens in System, das planlos „Leistung“ abruft, zu der sie nicht ausbildet, weil sie keine Zusammenhänge herstellt. Vor allem einen nicht: Den zwischen der Schule und dem Leben.
Zurecht bemängeln Andreas Poltermann und Stephan Ertner in der FR die „Erfolge“ vor allem der Hauptschulen und daß sich ein riesiger Bodensatz von Abgehängten bildet, die schon nicht mehr fähig sind, eine Tageszeitung zu lesen. Das Drama beginnt aber nicht in der Hauptschule, und es ist nicht damit getan, einige weitere „Reformen“ über die Schulen ergehen zu lassen. Das Leistungsprinzip als solches taugt nichts. Wenn zur Leistung erzogen und auf Leistung gelehrt wird, am Ende aber nicht einmal Leistungsfähigkeit dabei herumkommt, hat das Prinzip völlig versagt. Nicht nur die Hauptschulen gehören abgeschafft, sondern das Leistungsprinzip, zumindest in den unteren Klassen.

Erziehung zur Nützlichkeit

Es gibt hervorragende Lern-und Bildungskonzepte, die nicht ins System passen. Sie passen vor allem deshalb nicht, weil sie fördern und fordern, nämlich die Kreativität aller Beteiligten. Wenn Lehrer so gern zu Protokoll geben, was sie „nicht leisten“ können, liegt das nicht nur daran, daß sie sich das Versagen des Systems nicht eingestehen wollen. Es liegt vor allem daran, daß sie die Phantasie für Alternativen nicht aufbringen. Wie denn auch? Verzahnte Lehrpläne, ein starrer Beamtenapparat, normierte Leistungsanforderungen, die dann nicht in Leistungs- sondern in Jahrgangsklassen beackert werden. Dümmer geht’s nimmer.
Warum wird in Grundschulen so wenig gespielt? Ein sechsjähriges Kind hat das Recht und das Bedürfnis zu spielen. Der Spieltrieb ist eine grandiose Motivation zu lernen. Die kindliche Neugier ein gigantischer Fundus an Lernbegierde. Wo sind die Konzepte, die dies aufgreifen? Wo findet eine ausgewogene Mischung aus Spiel und Wissensvermitllung statt? Etwa in den lächerlichen „Projektwochen“, wo Schüler plötzlich Eigeninitiative zeigen sollen, die man sonst systematisch unterdrückt? Die „Pädagogik vom Kinde aus“, auch „Reformpädagogik“ genannt, ist so betagt wie der schulische Beamtenzirkus und wurde im Bildungssystem schmählich vernachlässigt. „Bildung vom Menschen aus“ ist nur noch Utopie. Weder Humboldt noch die Reformpädagogik wurden so weiterentwickelt, daß man heute noch etwas von den guten Ideen und Vorsätzen wiedererkennen kann. Es wird zur Nützlichkeit erzogen, belehrt und zugerichtet. Der „Nutzen“ selbst hat sich dabei noch weiter vom Menschen entfernt als die schulische Praxis: Es ist die Nützlichkeit im Wirtschaftssystem, worin das Ziel der Veranstaltung besteht.
Das Versagen ist allumfassend: Es werden eben nicht einmal die Kompetenzen vermittelt, auf die hingearbeitet wird, von sogenannten „sozialen“ Kompetenzen ist da noch gar nicht die Rede. Warum quält man Schüler noch immer in solchen Schulen? Warum nimmt man nicht endlich zur Kenntnis, daß immer mehr Schüler völlig unmotiviert sind? Daß sogar diejenigen, die motiviert erscheinen, weil sie sich der Leistungsforderung beugen, nicht wirklich wollen, was sie da tun?

Schafft die Schulen ab!

Man hangelt sich von einer Pizzastudie zur nächsten, stellt fest, daß man noch mehr Mathematik, noch mehr Naturwissenschaften, noch mehr Textkenntnis braucht und ganz nebenbei natürlich auch höfliche wohlerzogene Kinder, die sich möglichst selbst gängeln sollen, weil weder Eltern noch Lehrer dieser Aufgabe mehr gewachsen sind. Das Ganze gemahnt an gängige Psychotherapien: Nach Jahren der Selbstoffenbarung und tiefsinniger Hirnschau ist der Klient „schon einen wichtigen Schritt weiter“. Welcher Therapeut wagt es festzustellen, daß der ganze Aufwand für die Katz war und weder das Problem noch eine Lösung wirklich erkannt wurden? Irgendwer zahlt ja dafür.
Zehn bis dreizehn Jahre Schule sind bislang Standard. Was dabei herumkommt, ist haarsträubend. Zehn Jahre jeden Tag, meist sechs Stunden plus Hausaufgaben und jetzt auch noch „Ganztag“. Dabei bleibt mehr auf der Strecke, als originär schulisch gelernt wird. Ich bin beinahe geneigt zu behaupten, daß eine ersatzlose Abschaffung aller Schulen ein Segen für die Menschheit wäre. Das durchschnittliche Leistungsniveau würde darunter vermutlich nicht einmal leiden. Und unsere Schulen sind so großartig, daß sogar das beste Argument dagegen nicht mehr sticht: Daß die „bildungsfernen“ Schichten unter der totalen Schullosigkeit am meisten leiden würden. Das können die vorhandenen Schulen nämlich auch so bestellen.
Woran an eine echte Reform scheitert, liegt auf der Hand: Schüler und Eltern haben keine Lobby. Sie stehen gegen einen Beamtenapparat auf der einen Seite und eine Leistungsideologie auf der anderen, die alles im Blick hat, nur nicht die Menschen, die sie „Schüler“ nennen. Daß Eltern oft ihren verdammten Job auch nicht im Mindesten tun, spricht nicht dagegen. Es macht das Ganze nur noch aussichtsloser.

Der Mensch und was er will

Es wird zu nichts führen, wenn man Leistungsbewertungen zu Kurven zusammenfaßt und sich dann fragt, wie man den Output verbessern kann. Es ist die völlig falsche Frage, wie man im internationalen Vergleich besser abschneiden könnte. Es macht keinen Sinn, zu fragen, wie man genügend Ingenieure und Krankenschwestern heranzüchtet. Die wichtigen Fragen sind: Was wollen Schüler, was können sie, wie bringt man beides zusammen und entwickelt anhand einer vorhandenen Motivation Fähigkeiten, die zu weiterer Motivation führen? Wie fördert man kindliche Neugier? Wie entfaltet man menschliche Kreativität? Wie bündelt man individuelle Kompetenzen so, daß junge Menschen sich mit Freude zu konzentieren lernen?
Wenn man etwa wissen will, was Schüler wollen und was sie interessiert, warum zur Hölle fragt man sie dann nicht? Wo ist der Unterricht, der sich an den Fragen der anwesenden Schüler orientiert? Wo ist die Lehrerausbildung, die dazu befähigt, solche Ressourcen zu nutzen? Etwa bei der Bertelsmann-Stiftung?
Der Fetisch „Leistung“ zerstört sich selbst, weil er zwangsläufig außer Acht läßt, daß es Menschen sind, die da etwas leisten sollen. Wer Leistung fördern will, muß Menschen fördern, und zwar um ihrer selbst willen. Die mechanistischen Ansätze der gängigen Bildungspolitik vernachlässigen die simple Erkenntnis, daß Menschen keine Maschinen sind. Eine Maschine versagt nämlich nicht, weil sie keine Lust mehr hat.

Na endlich: Politik verbietet Verbrechen

März 23, 2009

Mich würde einmal interessieren, was die Leute sich allgemein unter „Politik“ vorstellen. Es gibt so viele Umfragen, warum fragt nicht einmal jemand: „Was ist Politik?“. Es wird wohl etwas sein, das nicht mit allzu großem Respekt betrachtet wird. Ich will aber gar nicht darauf hinaus, daß Phänomene wie Geltungssucht, Korruption oder Einfältigkeit die Szene bestimmen. Wenn man sich einfach fragt, was Politiker für ihren Job halten, kommt man in diesen Zeiten zu zwei Antworten: Erstens der „Wirtschaft“ hinterherlaufen und zweitens „verbieten“. Letzteres hat damit zu tun, daß Politik gern der Realität hinterherläuft und sie selbst dann nie einholt, wenn sich alles wiederholt.
Mit dem Versagen einer Politik, die maßgebliche Kompetenzen ihrerselbst der Freiheit der Marktwirtschaft geopfert hat, möchte ich mich an dieser Stelle nur sehr am Rande beschäftigen. Der Fokus liegt also auf dem Prinzip „Politik als Verbot“, das immer dann herhalten muß, wenn eigentlich nichts zu tun ist, man aber mit einer öffentlichen Empörung zu tun hat. Immer, wenn etwas Unerhörtes geschieht, gibt es einen Reflex, dieses verbieten zu wollen. So sollen etwa Amokläufe und Kinderpornographie verboten werden.

Das Unerhörte verbieten

Da dies längst der Fall ist, es aber dennoch zu Verbrechen kommt, die diesen Kategorien zuzuordnen sind, gibt es zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: Entweder man stellt fest, daß Verbote nicht helfen, oder man verbietet alles, was dazu führen kann, daß diese Verbrechen verübt werden. Letzteres mündet in eine Diktatur und verhindert dabei nicht einmal alle verdammenswerten Verbrechen. Phänomene, die alle Grenzen von Recht und Gewissen überschreiten, lassen sich nicht durch Verbote stoppen. Das Problem ist vielschichtig.
Dumm argumentiert hingegen schlicht, ein Beispiel dafür:
Frau von der Leyen will Kinderpornos verbieten lassen, indem alle deutschen Provider entsprechende Seiten sperren und meint dazu:
Entscheidend ist, dass viele Anbieter sich darüber klar werden, dass dahinter eine grundsätzliche Frage steht: Ob sie weiterhin uneingeschränkt die Vergewaltigung von Kindern zeigen lassen. Oder ob sie gemeinsam mit uns die Ächtung dieser Vergewaltigung vorantreiben wollen.
So einfach ist die Welt: Die einen lassen uneingeschränkt die Vergewaltigung von Kindern zu, die anderen ächten das. Und damit wir auch wissen, wie schlimm alle diejenigen sind, die das alles zulassen, klärt sie uns auf:
Ich habe das Ausmaß des Grauens vorher nicht gekannt. Mir war nicht klar, dass die Kinder vor laufender Kamera geschändet werden, sie zum Teil getötet werden, die Schreie der Kinder im Internet hörbar sind.“
Nun sei es einmal geschenkt, daß Mord keine Pornographie ist und dieser Unsinn nur die allgemeine Empörung schüren soll. Auch die blödsinnige Formulierung „im Internet zu hören“ soll nur suggerieren, das Internet sei ein realer Raum, in dem Augen- und Ohrenzeugen nicht eingreifen. Aber so ist das, wenn jemand keine Ahnung und keine Argumente hat. Da helfen nur blinder Affekt und stumpfsinnige Polarisierung. Was wirklich schockierend ist an der Aussage einer Familienministerin, ist die Behauptung, sie habe „das Ausmaß des Grauens“ nicht gekannt. Was hat sie sich denn darunter vorgestellt? Bildstrecken mit Windelwerbung?
Genau so naiv kommt sie daher, wenn es ihr „ausschließlich um die Sperrung von Kinderpornographie geht“. Daß dies nicht funktioniert, glaubt sie nicht, was man ihr nachsehen kann. Daß allerdings eine Technik, die massiv in die private Nutzung des Internets eingreift, sich nicht auf einen Aspekt begrenzen läßt, muß sie wissen. Es ist ihr aber egal. Sie zieht es vor, sinnlose Eingriffe in die Freiheitsrechte vorzunehmen, wenn es dem Empörungs-Management dient. Diese Strategie hat noch jede Diktatur gewählt, um einen Fuß in die Tür zu den Bürgerrechten zu bekommen. Was hier „verboten“ wird, ist nicht das Verbrechen, sondern die Freiheit, die auch das Verbrechen ermöglicht.

Hauptsache billig

Das Ganze ist vor allem eines: Billig. Billige Argumente, billige Maßnahmen. Kindesmißhandlung einzudämmen, ist möglich. Dazu bedarf es einer gut ausgerüsteten Polizei, vieler teurer und qualifizierter Kräfte und einer verzahnten internationalen Zusammenarbeit. Eine Sperrung von einzelnen Seiten führt hingegen nur dazu, daß sich die Szene besser organisiert und schwieriger zu lokalisieren ist. Dahinter steht dasselbe Prinzip wie bei den Platzverboten für Junkies: Man sieht das Elend nicht mehr so einfach, aber es verschwindet eben nicht.
Ähnlich klug ist der ewige Unsinn bezüglich eines Verbots für „Killerspiele“ als Mittel gegen Amokläufe. Ich habe das schon öfter hier diskutiert und dem nicht mehr viel hinzuzufügen. Einen Satz nur an dieser Stelle: Gelänge es, ab morgen keine „Killerspiele“ mehr zu verkaufen, so würden die bereits vorhandenen Datenträger noch immer für die nächsten hundert Jahre ausreichen, um jeden zu versorgen, der so etwas zocken möchte. Wenn die längst vorhandenen Altersbeschränkungen nicht ausreichen, müssen sich kluge Politiker eben Gedanken machen, wie man das Phänomen anders in den Griff bekommt. Zum Beispiel dadurch, daß man ein paar Milliarden in die Rettung von Kindern investiert, die nicht nur damit allein gelassen werden.
Zu den Möglichkeiten diesbezüglich gibt es einen recht Vernünftigen Artikel in der „Welt“ – wenngleich es haarsträubend ist, am Ende ausgerechet Praktiken zu loben, die chinesische Zensoren für angebracht halten.
Ebenfalls vernünftige Ansichten finde ich bei Kurt Beck, der in der „Zeit“ zu Protokoll gibt:
Ich kann nur davor warnen, den Eindruck zu erwecken, dass man einen solchen Amoklauf auf irgendeine Weise verhindern könnte„.
Er schießt zwar ein wenig übers Ziel hinaus, da seine Formulierung nicht die Einschränkung enthält, daß unmittelbar gesetzgeberische Maßnahmen gemeint sind, aber ansonsten hat er völlig recht und belegt einmal mehr, daß er nicht der Depp ist, zu dem er so eifrig in der Öffentlichkeit gemacht wurde.

Die Gestaltung der Wirklichkeit

Politik sollte sich die Gestaltung der gesellschaftlichen Wirklichkeit zum Ziel machen. Dies ist ihre Aufgabe. Anstatt der Wirtschaft dies zu überlassen und sich ansonsten auf beifallheischende Vereinfachungen zu kaprizieren, sollte sie Probleme vor dem Hintergrund ihrer Entstehung vermitteln, Zusammenhänge herstellen und Ideen zur Lösung der Probleme entwickeln. Es gibt durchaus skandalöse Zustände, die man abstellen kann – wenn man denn will. Ein aktuelles Beispiel dafür findet sich beim „Spiegel“: In der Türkei werden Arbeiter abscheulich zu Tode gebracht, um auf billige Weise teure Produkte herzustellen. Der Fall der Arbeiter, die an einer tödlichen „Silikose“ erkrankt sind, weil sie für Hungerlöhne Jeans gebleicht haben, ist nur die Spitze des Eisberges. Was in der türkischen Textilindustrie an der Tagesordnung ist, schreit zum Himmel. Warum steht ein solcher Artikel bei SpOn unter „Panorama“? Warum empört sich niemand darüber? Mag es etwas damit zu tun haben, daß Arbeitsbedingungen und Mindestlöhne nicht in eine noch immer gängige Ideologie passen? Sind es nicht genau solche Zustände, mit denen der „Standort Deutschland“ ernsthaft konkurrieren soll? Wäre ein flächenderdeckender Mindestlohn, international durchgesetzt, nicht ein probates Mittel dagegen? Sind Produktionsbedingungen, die auf möglichst niedrige Kosten setzen, nicht ebenfalls etwas, das dringend „geächtet“ gehört?
Genau hier darf man getrost ansetzen und radikale Maßnahmen fordern. Anstatt haltlose Verbote zu fordern, müssen haltlos menschliche Produktionsbedingungen gefordert werden – zumal in einem Land, das sich das zum eigenen Wohl auch leisten könnte. Jaja, das kostet, und es bringt den Mob nicht kurzfristig auf die eigene Seite. Schade eigentlich, denn Politik mit Vernunft und langem Atem könnte wirklich Großes leisten.

Manager außer Kontrolle

März 21, 2009

Die Freiheit ist in Gefahr, das „Recht“ wird „mit Füßen getreten“. Wenn die Verteidiger der Großbürgerrechte solch dramatische Worte in den Mund nehmen, kann es nur um die Basis und das höchste Gut der neoliberalen Demokratie gehen: Das Geld der Reichen. Und genau darum geht es: Um die mögliche Enteignung der HRE-Aktionäre, inbesondere des Herrn Christopher Flowers. Und während Ulrich Hocker eben das Recht mit Füßen getreten sieht, posaunt Rainer Brüderle Im Bundestag: „Heute ist ein Tag der Unfreiheit, heute wird eine Grundachse verschoben„.
Das krasse Mißverhältnis der Rhetorik zu den Ereignissen, auf die sie sich bezieht, offenbart schon lange, daß die „Freiheitlichen“ eine Ideologie des manischen Egoismus pflegen. So, sie wie den „freien“ Markt propagiert haben, propagieren sie „Freiheit“ durch unbegrenzte Aneignung. Es soll jeder mit seinem Geld machen dürfen, was er will, ohne durch verbindliche Verpflichtungen gegenüber dem Gemeinwohl eingeschränkt zu werden. Dem Staat kommt dabei die Funktion, dem Wettberweb der erfolgreichen Einzelnen die Infrastruktur zu sichern und vor allem ihr Eigentum durch Sicherheitskräfte zu schützen.
Diese Pervertierung des Staatsgedankens und des Gemeinwesens wäre nur lächerlich, hätte sie nicht bereits verheerende Wirkung entfaltet.
Diese Szenerie, das Verhalten der neoliberalen Kämpfer für die Selbstgerechtigkeit, gemahnt an die Strategien verhaltensauffälliger Kinder, die auch keine Grenzen akzeptieren wollen, die ihnen irgendwer zu setzen versucht. Das Schema ist einfach und erfolgreich: Die wichtigste Grundbedingung ist völlige Uneinsichtigkeit in das eigene Verhalten. Für die Kinder wie für die Neoliberalen bedeutet dies, daß sie alles ausblenden, verdrängen und leugnen, was sie selbst zu verantworten hätten und darüber zu täuschen, welche Schäden sie bereits angerichtet haben. Man ist für all das nicht verantwortlich und fühlt sich vielmehr dazu berufen, allen anderen vorzuhalten, wie ungerecht und falsch sie seien. Sie sind immer im Recht.
Man kann ihnen weder ins Gewissen reden, noch sie in die Schranken weisen, ohne daß sie jeden erdenklichen Widerstand leisten. Sie quengeln, lügen und lärmen, schimpfen und beleidigen, bis sie ihren Willen durchsetzen. Sie haben keinerlei Respekt vor der Meinung anderer und kennen Regeln nur, wenn sie ihnen selbst nützlich erscheinen.
Solche Kinder können ohne schlechtes Gewissen auf am Boden Liegende eintreten, wissen aber ganz genau, daß es „Gewalt“ ist, wenn man sich ihnen körperlich widersetzt. „Meine Eltern zeigen Sie an“ wissen sie als vermeintlich Rechtskundige zu drohen, um ihr Gegenüber einzuschüchtern. Der Aktionärsvertreter sagt an dieser Stelle: „Wir prüfen jetzt Schadensersatzforderungen„. Der FPD-Politiker weiß: „Die Enteignung von Investoren ist ein Tabubruch„.
Den kindlichen Schlägern und den neoliberalen Marktbefreiern ist es nicht zuzumuten, ein Bewußtsein dafür zu entwickeln, daß sie der Allgemeinheit schaden. Sie sind nicht zu der Einsicht zu bewegen, daß die Rechte, auf die sie pochen, nur bestehen können, wenn die Rechte anderer geschützt werden. Beide Extremfälle müssen vor den Folgen ihres eigenen Verlangens bewahrt werden – auch um ihrer selbst willen, vor allem aber, weil ein Zusammenleben nicht mehr möglich wäre, ließe man sie gewähren.
Sie können und müssen das auch gar nicht begreifen. Man muß ihnen zuallererst die menschlichen Grenzen aufzeigen, innerhalb derer sie sich bewegen dürfen. Viele der betroffenen Kinder arrangieren sich sehr bald mit der vermeintlichen „Unfreiheit“ und lernen diese zu schätzen. Danach kann man mit einiger Hoffnung auf Einsicht weiter mit ihnen arbeiten.
Für die Neoliberalen dürfte diese Hoffnung vergebens sein. Zeigen wir ihnen also die Grenzen auf und lassen sie quengeln. Wer ihnen nachgibt, macht sich erst recht das Leben zur Hölle.

Still alive

März 20, 2009

Ich habe eben alle relevanten Organe und meine 49 Murmeln auf ihren ordnungsgemäßen Zustand überprüft und konnte ihnen die Zusicherung abringen, auch künftig zu kooperieren. Die Hirneigentümerversammlung beschloß daraufhin einstimmig in freier gleicher Wahl, das Vorhandensein ausreichender Vitalfunktionen festzustellen und die Welt wissen zu lassen: Wir leben noch.
Die allgemeine Nachrichtenlage erscheint mir in den letzten Tagen angesichts durchaus relevanter Probleme derart irrelevant, daß dem bisher hier Gesagten nichts Substanzielles hinzuzufügen war. Da verbringe ich meine Zeit lieber mit langen Telefonaten.
Ich stelle erfreut fest, daß ich sogar entspannt damit lebe, wenn die Statistiken gelben Alarm schlagen. Mein Blog scheint doch tatsächlich vornehmlich gelesen zu werden, wenn ich etwas schreibe – unerhört!
Sollte sich die Lage am Nachrichtenmarkt nicht wesentlich ändern, kann das natürlich ganz schön öde werden hier. Ich biete von daher an, mir vorzuschlagen, was ihr lesen wollt, zu welcher Sache ihr schon immer meinen unmaßgeblichen Senf schmecken wolltet und welches das ultimativ superlativste Topthema ist, zu dem ich mich gefälligst zu äußern hätte. Dann kann ich wenigstens das eine oder andere brüsk zurückweisen, wofür mir die Abos und Freundschaften gekündigt sowie die Haare geschoren werden (die haben’s eh grad nötig). Dann das Übliche: Teer, Federn, Sekt, Pfandflaschen und Chipskrümel.
Bis bald!